Jo Nesbø: Messer: Ein Fall für Harry Hole

Der Norweger Jo Nesbø (Jahrgang 1960) gehört zu den erfolgreichsten internationalen Krimischreibern. Seine Harry-Hole-Reihe hat Kultstatus. Bei Ullstein Buchverlage ist am 27. August 2019 Fall Nummer 12 mit dem Titel „Messer“ in einer Übersetzung von Günther Frauenlob erschienen.

Harry Hole ist an einem weiteren Tiefpunkt seines Lebens angelangt: Rakel hat ihn rausgeschmissen, er trinkt wieder und sein Job an der Polizeihochschule ist auch futsch. Harry weiß nicht, warum Rakel sich von ihm getrennt hat. Er versinkt in Selbstmitleid und noch mehr Alkohol. Dann erreicht ihn die schlimmste aller Mitteilungen: Rakel wurde ermordet. Und Harry hat den Abend und die Nacht im Vollrausch verbracht, er erinnert sich an nichts. Die Ermittlungen beginnen. Katrine Bratt, Harrys Chefin,  muss ihn suspendieren. Sie ist inzwischen mit Björn Holm, dem Kriminaltechniker verheiratet. Die beiden haben einen kleinen Sohn. Auch Ole Winter vom Kriminalamt wird eingeschaltet. Es gibt keine Spuren. Aber Harry Hole hat einen Verdacht: Svein Finne, der Vergewaltiger und Mörder, den Hole ins Gefängnis brachte. Harry vermutet Rache als Svein Finnes Motiv, weil Harry dessen Sohn Valentin Gjertsen erschossen hat.

Svein Finne spielt sein eigenes makabres Spiel. Doch dann gerät Rakels Chef Roar Bohr in den Fokus der Ermittlungen. Harry Hole folgt seinem Bauchgefühl, unterstützt von Kaja Solness, seiner  Ex-Kollegin und Ex-Freundin und Alexandra Sturdza von der Rechtsmedizin. Bald entsteht in Hole ein ungeheurer Verdacht, der ihn an den Rand des Selbstmordes treibt.  Da denkt man als Lesende: was soll Jo Nesbø denn noch einfallen zu Harry Hole? Aber dann dieser Paukenschlag: Mit „Messer“ ist Harry Hole in seinem 12. Fall unschlagbar spannend.

Jo Nesbø entwickelt eine Geschichte, die abgesehen von dem bekannten Harry Hole Personal, mit immer neuen Wendungen und Spuren gespickt ist. Nesbø lässt Harry Holes Dämonen übermächtig werden, er ist am Ende. Aber irgendwie ist er auch genial, zumindest was seinen Job angeht. Harry Hole ist ein Protagonist, den man nicht vergisst. Und Nesbø schafft es auch in diesem Fall, dass das so bleibt. Nesbøs Oslo ist ein gefährlicher Ort. Gewalt und Verbrechen können hier jeden bzw. jede treffen, selbst „am helllichten Tag auf einem Friedhof“, wie Nesbø das Vergewaltigungsopfer Dagny Jensen denken lässt. Seine Charaktere, allen voran seine Hauptfigur, sind von Arbeit und Leben geschädigte, versehrte, moderne Menschen. Und diese Charaktere sind es, die neben den Verbrechen die Faszination von Nesbøs Krimis ausmachen.

„Messer“ erfüllt auf 575 Seiten alle Bedingungen an beste Krimi-Literatur (was im Übrigen für die gesamte Harry-Hole-Reihe gilt). Dabei verzichtet Nesbø auf kurzatmige Effekthascherei oder allzu plumpe Brutalität. Die Bösen sind böse, aber die Guten sind es auch. Er lässt mich als Lesende gemeinsam mit seinem Kommissar lange im Dunkeln tappen, obwohl schon von den ersten Seiten an wohldosierte Hinweise auf Täter oder Täterin zu finden sind.  Der Kopf schwirrt mir voll von falschen Fährten und Verdächtigen. Aber Jo Nesbø behält den roten Faden souverän in der Hand. Am Ende fügt sich alles zu einer Lösung, die wirklich überrascht. Und trotzdem auf den 13. Harry Hole hoffen lässt.

Jo Nesbø: Messer: Ein Fall für Harry Hole.
Ullstein, August 2019.
576 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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