Jo Nesbø: Ihr Königreich

Der norwegische Bestsellerautor Jo Nesbø (Jahrgang 1960) schreibt erfolgreiche Krimis. Vor allem die Bücher mit seinem Ermittler Harry Hole sind sehr bekannt. Nesbø kann aber auch ohne ihn, wie zuletzt mit „Macbeth“ (2018), den er im Rahmen des Shakespeare-Projektes von Hogarth Press neu erzählte. Und jetzt wieder mit dem Kriminalroman „Ihr Königreich“, der am 2. September 2020 in einer Übersetzung von Günther Frauenlob bei Ullstein Buchverlage erschienen ist.

Kein Harry Hole in „Ihr Königreich“, stattdessen zwei norwegische Brüder als Protagonisten: Roy und Carl Opgard aus einem norwegischen Dorf in den Bergen haben ihre Eltern früh verloren. Roy, der ältere der beiden Brüder, versucht sich um Carl zu kümmern. Er wird Automechaniker und Tankstellenpächter in ihrem Heimatort Os, Carl geht in die USA und studiert. Nach etlichen Jahren kommt er mit seiner Frau Shannon und großen Plänen nach Os zurück. Carl will ein Wellnesshotel im Dorf bauen. Roy steht der Rückkehr mit gemischten Gefühlen gegenüber. Er freut sich auf seinen jüngeren Bruder, aber er befürchtet, dass alte Geschichten wieder aufgewärmt werden. Und er interessiert sich ein bisschen zu sehr für Carls Ehefrau aus Barbados. Carl gewinnt die Bürger von Os für sein Bauprojekt. Doch dann treten Schwierigkeiten auf und Roy muss seinem Bruder, wie immer, aus der Patsche helfen.

Jo Nesbø fächert die Geschichte der Brüder Opgard nach und nach auf. Da sind der Unfalltod der Eltern oder das Verschwinden des Dorfpolizisten Sigmund Olsen, die dunkle Schatten auf die Vergangenheit der Brüder werfen. Roys und Carls Kindheit birgt ebenso ein Geheimnis wie Carls plötzliche Heimkehr nach Os. Von der ersten Seite an zieht Nesbø mich als Lesende in den Bann dieser Familiengeschichte. Eine Andeutung hier und ein Nebensatz dort erzeugen eine bedrohlich düstere Stimmung. Nesbø verstärkt meine Ahnungen und Spekulationen, streut Hinweise, wie z.B. auf Seite 79: „Noch zehn Meter. Die Bremsleuchten, zwei Lichtleisten, zwei Bindestriche zwischen der glänzenden Stoßstange und dem Kofferraumdeckel, leuchten kurz auf. Dann waren sie weg. Alles war weg.“ Das macht die Geschichte zu einem spannenden Leseerlebnis.

Die Zutaten für diesen Kriminalroman sind die (alt-) bewährten: eine dominant-brutale Vaterfigur und ein Kindheitstrauma, Bruderliebe und Bruderhass, Neid, Begierde und Betrug. Diese mixt Nesbø zu einem raffinierten Cocktail, dem ich als Lesende nicht widerstehen kann. Dazu nutzt er die überschaubare Kulisse eines Dorfes mit all dem Gerede, den Gerüchten und Geschichten. Hier kennt jeder und jede jeden. Nesbø kreiert eine bedrückende Atmosphäre aus Beobachtung, Kontrolle und Geheimnistuerei. Das heizt die Spannung beim Lesen zusätzlich an.

Nesbø gibt seinen Hauptfiguren viel Raum. Vor allem Roy, der als Ich-Erzähler fungiert, ist so ambivalent ausgestattet, dass ich immer wieder zwischen Sympathie und Ablehnung schwanke. Jo Nesbø verstrickt seine Figuren tiefer und tiefer in ihre Machenschaften und Geheimnisse. Jeder Schachzug fördert ein neues Problem zu Tage und so steuern Roy und Carl  mit ihrem Königreich unaufhaltsam auf den Abgrund zu. Oder nicht?

„Ihr Königreich“ von Jo Nesbø ist ein meisterlich geschriebener Krimi, der gut auch ohne Harry Hole auskommt.

Jo Nesbø: Ihr Königreich.
UIlstein, September 2020.
592 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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