Jo Nesbø: Durst

Der 57jährige, norwegische Schriftsteller Jo Nesbø ist durch seine Kriminalromane um den Ermittler Harry Hole weltweit bekannt geworden. Mitte Oktober 2017 kommt die Verfilmung von „Schneemann“ (Harry Holes siebter Fall) in die deutschen Kinos. Die Ullstein Buchverlage haben am 15. September 2017 Harry Holes elften Fall mit dem Titel „Durst“ in einer Übersetzung von Günther Frauenlob herausgebracht.

Um Harry Hole ist es ruhig geworden. Wie in seinem letzten Fall „Koma“, unterrichtet er weiter an der Polizeihochschule Oslo. Er hat seine Liebe, Rakel, geheiratet und führt ein zufriedenes und glückliches Leben am Holmenkollen mit Blick auf die Stadt Oslo und den Fjord. Oleg, Rakels Sohn, studiert inzwischen an der Polizeihochschule. Er will, wie Harry, Polizist werden. Elise Hermansen, Anwältin für Vergewaltigungsopfer, wird nach einem Treffen mit einer Onlinedating-Bekanntschaft ermordet. Der Täter beißt ihr in den Hals. Schnell schießen sich die Medien – unterstützt durch die Thesen des Psychologen Hallstein Smith – darauf ein, dass ein durstiger „Vampirist“ sein Unwesen treibt. Polizeipräsident Mikael Bellmann zwingt Harry Hole mit einer Drohung, bei den Ermittlungen unter der Leitung von Harrys Exkollegin, der leitenden Kriminalkommissarin Katrine Bratt, mitzuhelfen. Hole willigt widerstrebend ein, weiß er doch um seine (selbst-) zerstörerischen Kräfte.

Während der Täter weitere Opfer findet, verfolgen Harry Hole und seine kleine Ermittlergruppe, bestehend aus dem Vampiristen-Spezialist Hallstein Smith und dem Neuling im Dezernat für Gewaltverbrechen Anders Wyller, eine verwirrende Anzahl an Hinweisen und Spuren. Hole wird dabei das Gefühl nicht los, dass es sich bei dem Täter um einen „alten Bekannten“, Valentin Gjertsen, handelt, der nicht gefasst werden konnte. Katrine Bratt wiederum muss sich mit einem Leck in ihrer Abteilung herumschlagen, das immer wieder Informationen an die Presse in Gestalt von Mona Daa von der VG weitergibt.

Rakel erkrankt schwer und wird in ein künstliches Koma versetzt. Harry setzt das Leben eines Zeugen aufs Spiel und gerät wieder in den Bann des Alkohols.Nach falschen Fährten und Finten, Ermittlungssackgassen und der vermeintlichen Aufdeckung des Mörders kommt Harry Hole dem wahren Drahtzieher der Verbrechen (lebens-) gefährlich nahe. Jo Nesbø serviert mit „Durst“ Krimi-Feinkost (allerdings nicht für zarte Gemüter). Harry Holes elfter Fall ist ein Pageturner und stürmt gerade berechtigterweise die Bestseller-Listen.

Nesbø konstruiert die Handlung seines Kriminalromans absolut schlüssig und bringt den Lesenden dennoch immer wieder auf den falschen Weg. Das beginnt schon mit dem unschuldigen Titel „Durst“, bekanntlich eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Lose (Erzähl-) Fäden verknüpft er spät und überraschend. So bleibt die Spannung durchgehend auf höchstem Niveau.

Als Krimi-Vielleserin gehen mir die Serientäter manchmal ein wenig auf die Nerven. Nicht so bei Nesbø: ihm gelingt es grandios, seine Verbrecherfiguren mit unverbrauchten Motiven und Mustern auszustatten. Um Gewalt, Brutalität und Perversion macht Nesbø auch in „Durst“ keinen Bogen.

Jede Figur in seinem Krimi spielt eine Rolle, die für den Fortgang der Geschichte eine Bedeutung hat, nichts ist überflüssig oder geschwätzig. Neben den bekannten Figuren aus den Vorgänger-Krimis wie Truls Berntsen, Bjørn Holm, Katrine Bratt oder Mikael Bellman tauchen  interessante neue Mitspieler mit Potenzial (z.B. Anders Wyller oder Mona Daa) für eine Fortsetzung auf. Außerdem baut Jo Nesbø gegen Ende des Krimis ein paar offene Stellen und Versprechen ein („Ich verspreche dir, die Nachfolger sind bereits rekrutiert.“), so dass genug Stoff für mindestens einen weiteren Fall für Harry Hole bleibt.

Und sein Protagonist Harry Hole ist sowieso ein Ermittler der Extraklasse.

Jo Nesbø: Durst.
Ullstein, September 2017.
624 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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