Ji-Min Lee: Marilyn und ich

Alice J. Kim ist gerade einmal 30 Jahre alt und wäscht ihr graues Haar mit Bier. Sie besitzt eine panische Abneigung gegen Menschenmengen und hat auch sonst große Probleme mit dem Leben. Für die meisten ihrer Landsleute gilt sie als Hure der Amerikaner, obgleich sie in der Militärverwaltung nur als Übersetzerin arbeitet.

Der Leser trifft auf die Protagonistin in dem Augenblick, als ihr Hammet, ihr Vorgesetzter in der amerikanischen Militärverwaltung, eröffnet, dass sie Marylin Monroe während des viertägigen Korea-Besuchs als Dolmetscherin begleiten soll. Hier stellt sich die zentrale Frage dieses Romans: Können vier Tage mit Marylin das Leben von Aesun, wie Alice J. Kim wirklich heißt, retten?

Der Leser nimmt in der Ich-Perspektive der Protagonistin an deren trostloses Leben kurz nach dem Koreakrieg teil, ohne zunächst konkret zu erfahren, was diese depressive Aura ausmacht. Sie erzählt dem Leser von ihrem Alltag, ihren Störungen und Zwängen auf eine unterhaltsame, mitleidslose Art und Weise, die die Lektüre nie langweilig werden lässt.

Alice hat nur wenige Freunde. Kurz vor dem Marylin-Besuch in Korea lehnt sie die Avancen von Guyong ab. In die bislang chronologische Schilderung werden nun Rückblenden eingefügt, die sich harmonisch in die Handlung einfügen und den Leser keinesfalls aus dem Lesefluss reißen. So wie Ji-Min Lee zeitliche Sprünge in die Geschichte einbindet, werden sie zu einem gekonnt eingesetzten literarischen Mittel.

Häppchenweise erfährt der Leser die Ursachen für das apathische, gleichgültige und dennoch gestörte Verhältnis der Protagonistin zum Leben. Der Leser lernt die junge Aesun als lebensfrohe junge Frau kennen, die nur zwei Männer liebte. Deren früheres Leben jäh durch den Koreakrieg verändert wurde.

Mit Marylin Monroe kommen auch alte Bekannte in Aesuns Leben zurück. In diesem Zusammenhang soll Alice J. Kim dem amerikanischen Geheimdienst helfen, die Heulsuse von Seoul zu retten. Insofern lautet die Antwort auf die eingangs gestellt Frage: Ja, der viertägige Besuch von Marylin in Korea rettet das Leben von Alice J. Kim. Allerdings auf eine andere Art, als die Fragestellung vermuten lässt.

„Maylin und ich“ ist ein Anti-Kriegs-Roman der leisen, eindringlichen Art, ein Liebesroman, eine Tragödie mit einem Hauch von einem Krimi. Das Buch lässt den Leser am Koreakrieg und seinen Folgen teilhaben, zeichnet ein Bild jenes asiatischen Landes zwischen dem Ende der japanischen Besatzung 1945 und dem Ende des Koreakrieges 1953.

Sprachlich liefert die südkoreanische Autorin ein Meisterwerk. Sie brilliert mit Sätzen wie „Eine Beziehung geht nicht von einem Tag auf den anderen zu Bruch. Es ist ein schleichender Prozess, der damit beginnt, dass man die Wahrheit über den anderen erkennt.“ Die Handlung folgt einem stimmigen Plan, dessen Raffinesse sich dem Leser erst am Ende erschließt.

„Marylin und ich“ ist ein literarisches Meisterwerk, das mehr Beachtung verdient. Es ist die leise, unterhaltsame Sprache, die raffinierte Handlung und die einzigartigen Figuren, die diesen Roman zu einem kleinen Schatz machen.

Ji-Min Lee: Marilyn und ich.
HarperCollins, Oktober 2020.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Michael Pick.

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