Jessie Greengrass: Was wir voneinander wissen

Die Ich-Erzählerin ist zum zweiten Mal schwanger und während sie ihren Mann mit der erstgeborenen kleinen Tochter durchs Fenster beobachtet, durchlebt sie äußerst ambivalente Gefühle. Sie überdenkt in sehr persönlichen Schilderungen ihr Leben und alles was damit in Zusammenhang steht. Eine besondere Gewichtung liegt in ihrer Herkunft, dem Leben der verstorbenen Mutter und dem ihrer verstorbenen Großmutter. Sie versucht sich Klarheit zu verschaffen, durch welche Ereignisse ihr Leben nachhaltig geprägt wurde. Dabei schweift sie immer wieder ab und taucht ein in die Biografie von Wilhelm Conrad Röntgen und seine Entdeckung der X-Strahlen. Weiter beschäftigt sie sich mit Sigmund Freud und seiner Tochter Anna und der Entwicklung der Psychoanalyse. Der dritte Wissenschaftler, mit dem sie sich auseinandersetzt, ist John Hunter, der die Anatomie erforschte. Sie versucht zu begreifen, inwieweit ihre angelesenen Kenntnisse vom Leben und Wirken der Wissenschaftler und letztlich deren Erfolge und Erkenntnisse Einfluss auf ihre Persönlichkeit genommen haben könnten und was sie selbst daraus für ihr eigenes Leben umsetzen kann. Somit ergeben sich weitreichende philosophische Betrachtungen über den Sinn des Lebens und inwieweit jede/r selbst dazu in der Lage ist, sich mit eigenen Kompetenzen die Erfahrungen anderer zunutze zu machen. Ihr wird bewusst, dass ihr noch ungeborenes Kind im Leben Widrigkeiten ausgesetzt sein wird, vor denen sie es nicht schützen kann, weil ihm auch ungewollt Schaden zugefügt werden kann. Die Tragweite der Verantwortung wiegt schwer. Jessie Greengrass lässt die eigene Kindheit Revue passieren, empfindet die Zeit ihres Heranwachsens als unglücklich. Vom Vater verlassen, wächst sie allein bei der Mutter auf. Weiter denkt sie über die Anfänge ihrer Verbindung zu ihrem Mann Johannes nach und schildert die nicht aufzuhaltende Krebserkrankung ihrer Mutter, die auch ihrem eigenen Leben eine andere, ungeplante Richtung gab und sie in eine tiefe Depression stürzen ließ. Als sie sich zu jener Zeit in die Literatur flüchtete und sich mit Wilhelm Röntgens Entdeckung der X-Strahlen und dem Gemütszustand des Wissenschaftlers befasste, glaubte sie, gewisse Zusammenhänge herstellen zu können.

Einen weiteren großen Einfluss auf ihr Leben haben die Aufenthalte bei ihrer Großmutter in Hampstead genommen. Den einstigen Gesprächen mit der nüchternen Großmutter, die Analytikerin gewesen war und von ihr und ihrer Mutter nur Doktor K. genannt wurde, hatte sie sich nicht entziehen können; noch immer empfindet sie die Erinnerung daran als unschön.

Es ist eine Art Selbstanalyse, in der Jessie Greengrass diese persönlichen Erlebnisse mit der Frage nach der Weichenstellung zu erfolgversprechenden Entscheidungen verknüpft. Die Parallelen, die sie dabei zu den Wendepunkten im Leben von Wissenschaftlern und ihren bedeutenden Erkenntnissen herstellt, sind  komplex und aufschlussreich.

Andrea O’Brien hat den Roman ins Deutsche übersetzt.

Jessie Greengrass: Was wir voneinander wissen.
Kiepenheuer&Witsch, Mai 2020.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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