Jenny Tinghui Zhang: Fünf Leben

„In der Kalligraphie wie im Leben wird nicht retuschiert, sagte Meister Wang oft. Wir müssen akzeptieren, dass das Geschehene nicht zu ändern ist.“

Ein Satz, der so auch auf einem Spruchkalender stehen könnte und der das vor mir liegende Buch perfekt beschreibt. Der Roman Fünf Leben von Jenny Tinghui Zhang beschäftigt sich mit Geschehenem und versucht es aufzuarbeiten, es publik zu machen und die Welt an den Hass zu erinnern, der Asiat:innen im 19. Jahrhundert auf dem amerikanischen Kontinent entgegen-schlug und nicht wenige von ihnen ihr Leben kostete. Die chinesisch-amerikanische Autorin widmet sich einem weiteren Massenmord in der amerikanischen Geschichte und zeichnet die Geschichte von Daiyu nach, einem chinesischen Mädchen, das nach dem Verschwinden ihrer Eltern zum Straßenjungen Feng wird, auf der Suche nach Geborgenheit entführt und in einer Kohlentonne nach San Francisco verschleppt wird, wo ihr schmerzlich bewusst wird, dass sie kein Junge ist, sondern ein junges Mädchen, das nächtlich an den Bestbietenden verkauft werden kann. Es geht um das Geschlecht, sie als Mädchen, sie als Junge, sie als Mädchen, als Frau. Dann wird sie wieder zum Jungen, zum Mann, und auf einmal ist das Geschlecht egal. Denn dem Hass des Landes ist es gleich, ob er einen chinesischen Mann oder eine chinesische Frau verfolgt, dem Gesetz ist es egal, denn wo zuvor nur chinesische Frauen dem amerikanischen Kontinent verboten wurden, so ist die Einreise mit dem Chinese Exclusion Act nun auch den Männern untersagt. Den Männern, zu denen auch unsere Heldin Daiyu gehört. Als Jacob Li führt sie das erste Mal ein ruhiges Leben, hat Liebgewonnene und findet endlich einen Abschluss mit ihrer Vergangenheit, ist kein gebrochenes Mädchen mehr, sondern eine selbstdefinierte Person, die es am Ende schafft, ihre Masken abzulegen und sich selbst beim Namen zu nennen.

Fünf Leben ist ein Roman, der Suchtpotenzial hat. Ich zumindest habe ihn in einem Tag ausgelesen. Er liest sich leicht und ist gleichzeitig schwer, höchst poetisch und tragisch. Geschichten wie die Daiyus gibt es oft in der menschlichen Historie und dennoch erschüttern sie ein jedes Mal von neuem. Was aber noch mehr erschüttert, als dass ein kleines Mädchen als Geisel in einer Tonne über den Ozean geschippert wird, ist das Unwissen darüber.

Das chinesische Zeichen für Liebe wird Ai ausgesprochen. Genau wie Ich im Englischen. Selbstlos und selbstvoll, zwei Gegensätze in einem Laut vereint, zwei Gegensätze, die in diesem Buch aufgegriffen werden. Ich habe zuvor noch nie von dem Chinese Exclusion Act gehört, habe erst in Verbindung mit Covid-19 eine Hasswelle auf asiatische Personengruppen erlebt, erst als Trump das „chinesische Virus“ erfand und meine chinesische Chefin ein Schild im Laden aufhängen musste, auf dem stand: „Wir sind kein Virus“. Mir war nicht bewusst, dass es eine derartige Geschichte zu diesem Hass gibt, dass Menschen durch diesen Hass gestorben sind. Die Liebe und das Selbst. Ai. Manchmal schwer zu vereinen.

Das Buch ist ein Aufbruch in die Vergangenheit, doch gleichzeitig erschreckend aktuell. Es ist eine Reise durch verschiedene Kultur- und Sprachräume und durch die eigene Identität. Was ist ein Zuhause? Wer bin ich, war ich, will ich sein? Am Ende kommt Daiyu zu ihrer Erkenntnis, zwischen chinesischen Zeichen erkennt sie andere und sich selbst und weiß endlich, was ihr Name bedeutet.

Fünf Leben ist aus vielen Gründen lesenswert. Ich bewundere die Erzählweise, den Aufbau der Heldin, die nebelhaften Schemen ihrer Mitmenschen und die Sprache des Textes. Doch neben diesen fiktionalen Aspekten beinhaltet der Roman Wahrheiten, die nicht vergessen werden dürfen und mit deren Tragweite wir uns immer und immer wieder beschäftigen sollten. Auch wenn unsere Sprachen sich unterscheiden, auch wenn wir manchmal liebevoll und manchmal auf uns selbst konzentriert sind, so sind wir doch alle Menschen und haben die Berechtigung, zu leben.

Jenny Tinghui Zhang: Fünf Leben.
Aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Jakobeit .
Ecco Verlag, Mai 2022.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Luisa Aufderheide.

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