Jenny Offill: Amt für Mutmaßungen

Vom Verlieben, Entlieben und Wiederlieben beschreibt Jenny Offill die Stationen einer Beziehung in New York. Dabei beherrscht Jenny Offill die seltene Kunst, in wenigen Worten alles zu sagen. Sie reiht Momentaufnahmen, Gedanken und Dialoge aneinander. Jede dieser literarischen Szenen gleicht einem emotionalen Durchschuss. So hat schon lange niemand mehr über die Liebe in modernen Zeiten geschrieben.

Er macht Musik und arbeitet beim Radio, sie schreibt und arbeitet als Lehrerin und Ghostwriterin. Es scheint, als wären sie füreinander geschaffen. Sie sind verliebt, heiraten, bekommen ein Kind. Dann bricht das Leben über sie herein. Wohnungen voller Ungeziefer, stundenlanges Warten in Notaufnahmen mit verletztem Kind, graue Haarsträhnen und schmutzige Badezimmer. Plötzlich gilt sie als „kompliziert“. Kompliziert ist auch ihr neuestes Projekt – ein Buch über das Weltall, das sie für einen „Möchtegern-Astronauten“ schreiben soll. Nur zu gern entflieht sie der Enge ihrer eigenen, destruktiven Gedankenwelt, indem sie sich in den Kuriositäten der Wissenschaft verliert.

In punktgenau getroffenen Situationen stellt Jenny Offill die Entwicklung einer Beziehung dar. Erst schreiben sie sich Liebesbriefe, dann unterteilt die Babypflege ihren Tag in kleine Schnipsel. Erst macht er ihr CDs mit außergewöhnlichen Tönen, dann muss er sein Klavier beim Umzug zurücklassen. Ein alter Freund kommt zu Besuch, wundert sich über die nervtötende Technomusik im Hintergrund. In Wahrheit ist es eine CD mit Herzschlagtönen, die das Schreibaby beruhigen soll. Sie liebt ihre Tochter, hat aber ständig das Gefühl, als Mutter nicht zu genügen. Das Entlieben findet lautlos statt und wird der Protagonistin erst bewusst, als es „das Mädchen“ gibt, die Affäre ihres Mannes.

Wann genau kam es zum Bruch? Vielleicht war es jener Moment, in dem er sie fragte, wann sie am glücklichsten gewesen sei. Die vermeintlich falsche Antwort – zumindest aus Sicht des Fragestellenden – könnte den Anfang vom Ende eingeläutet haben. Doch schon Sokrates wusste: „Wer Mutmaßungen über den Kosmos anstellt, ist nichts anderes als ein Verrückter.“

Mit bewundernswerter Zielsicherheit greift sich Jenny Offill genau die Fragmente heraus, die den emotionalen Kern einer Thematik verkörpern. In ihrer schnörkellosen Sprache, manchmal nur in Form von Gedankenfetzen, gewährt die Autorin tiefe Einblicke in Seelenwelten. Spielerisch verknüpft sie die Auswertungen von psychologischen Tests, wissenschaftliche Fakten und Zitate großer Denker mit den Ereignissen des Plots, was bisweilen einen humorvollen Subtext schafft. Jenny Offill wundert sich über die Liebe und das Leben. Wir Leser können nicht anders, als es ihr gleich zu tun.

Fazit: Selten wurde eine Prosa über das Mysterium der Liebe so verdichtet und treffsicher auf den Punkt gebracht. Gehaltvoll und federleicht zugleich. Ein Buch, wie geschaffen, um es in einem Atemzug zu verschlingen.

Jenny Offil: Amt für Mutmaßungen.
Penguin Verlag, März 2017.
176 Seiten, Taschenbuch, 9,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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