Jean Stafford: Die Berglöwin (1947)

Als dieser Roman 1947 im renommierten New Yorker Verlag Harcourt unter dem Originaltitel The Mountain Lion erschien, erntete er begeisterte Kritik.

Die Handlung um die zu Beginn der Geschichte achtjährige Molly und ihren zehnjährigen Bruder Ralph spielt in den Vereinigten Staaten, im Bundesstaat Colorado. Beide Kinder haben mit den Nachwirkungen einer Scharlacherkrankung, die sich unter anderem durch starkes Nasenbluten äußert, zu kämpfen. Das steife, durch viele Regeln geprägte Familienleben mit der verwitweten Mutter und den beiden älteren Schwestern, die wenig verständnisvollen Erwachsenen im Allgemeinen und das gesundheitliche Handicap der Geschwister, das sie für sich auszunutzen wissen, schweißt die beiden zusammen. In ihrer Verbundenheit trotzen sie den Widrigkeiten des Alltags. Es kommt ihrem Wesen letztlich entgegen, als die Mutter sie von Los Angeles auf eine Ranch nach Colorado, auf der sie selbst ihre Kindheit verbracht hatte, abschiebt, um mit den beiden älteren Töchtern auf Weltreise zu gehen. Hier in den Bergen von Colorado werden die Kinder mit völlig neuen Gegebenheiten, einem anderen Menschenschlag und vor allem mit der ungezähmten Natur konfrontiert.

Mit der zu Ende gehenden Kindheit entfremden Molly und Ralph sich zunehmend voneinander. Molly bleibt die Unangepasste, Introvertierte, die sich immer mehr zurückzieht und Gedichte schreibt, die keiner versteht. Niemand erkennt ihre Verletzlichkeit hinter ihrer oft hilflosen Komik, nicht einmal ihr Bruder. Ralph versucht selbst seine Rolle zu finden und orientiert sich an seinem Onkel Claude. Die Geschwister können mit ihren ureigenen Veränderungen, die sie nur verunsichern und keineswegs glücklich machen, nicht richtig umgehen.

Der Roman ist in neun Kapitel mit vielen kleinen Einzelgeschichten und jeweils Anfang und Ende aufgeteilt. Das vordergründig  Unspektakuläre wird von einer melancholischen Schwere umhüllt,  die die Handlung steuert. Hinter der Protagonistin Molly kann man Ähnlichkeiten mit der Autorin selbst vermuten, deren Lebensstationen ebenfalls in Kalifornien und Colorado angesiedelt waren. Der Blick von außen ins Innere kommt ohne Klischees aus.  Stafford schildert die Geschlechterrollen und die Haltung der weißen gegenüber der schwarzen Bevölkerung und umgekehrt. Ihr Hauptaugenmerk aber liegt in der Beobachtung und Beschreibung der Natur samt ihrer Unberechenbarkeit, was am Ende zu einer schrecklichen Tragödie führt.

In dieser Geschichte steckt nichts Tröstliches, dafür die Auseinandersetzung mit ungeschönter Realität.

Die deutsche Übersetzung stammt von Adelheid und Jürgen Dormagen.

Jean Stafford: Die Berglöwin (1947).
Dörlemann, Januar 2020.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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