Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Ein hochverdienter Preisträger: Der Prix Goncourt Gewinner 2019 ist ein Roman, der uns Leser emotional sofort in seinen Bann zieht. Dies liegt vor allem an dem hervorragend entworfenen Hauptakteur Paul Hansen, dem der Autor die vielen Licht- und Schattenseiten des Menschseins auf den Leib geschrieben hat. Dubois hat einen „literarischen Adam vor dem Sündenfall“ geschaffen. Einen Menschen, der sein Leben lang Gutes getan hat, doch eines Tages jemanden umbringen will. Wie konnte es dazu kommen?

Diese Kernfrage treibt von Anfang an den Plot voran und uns Leser um. Was ist dem Protagonisten Furchtbares zugestoßen, das ihn zu so einer Tat hingerissen hat? Dubois lässt Paul aus dem Gefängnis heraus in Rückblenden von seinem Leben erzählen. Dabei schafft er konträre Bilder, die sich ins Bewusstsein einprägen und Pauls Absturz umso mehr verdeutlichen. Er erinnert sich an Szenen seiner Kindheit, während sein Zellenkollege, ein Hells Angels Mitglied, vor seinen Augen auf der Toilette defäkiert. Wie kann man unter solchen Umständen seine Würde bewahren? Wie die Hoffnung nicht verlieren?

Als Sohn eines dänischen Pastors und einer französischen Kinobetreiberin, lernt Paul früh das Leben aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kennen. Die Eltern lieben sich, doch werden im Laufe der Zeit von konträren Strömungen erfasst. Das Konservative gegen die 68er-Bewegung… ein Kulturclash, der nicht gutgehen kann. Nach Skagen und Toulouse führt Pauls Weg weiter nach Kanada, wo weitere Paradoxe auf ihn warten. Im Erdreich wird Asbest zutage gefördert, das andernorts gerade verboten wurde. In Montreal wird er Hausmeister einer gehobenen Seniorenresidenz. Als gute Seele des Hauses repariert er nicht nur Leitungen, sondern spendet auch Seelentrost. Er findet seine große Liebe Winona, die aus dem indianischen Kulturkreis stammt und ihm vor Augen führt, was sich in seiner eigenen Kultur gerade alles zum Schlechten wendet. Dazu muss Paul immer wieder Abschied von geliebten Menschen nehmen. Er erträgt dies alles klaglos, bis zu jenem Tag …

Es sind vor allem die Charakterzeichnungen, die das Buch so mitreißend machen. So wie jeder Mensch die Welt auf seine Weise bewohnt, trägt jeder Mensch auch eine eigene Welt in sich. Der Autor stattet sogar Pauls Hund Nouk mit einem wundervollen Wesen aus, so dass jedem Tierfreund das Herz aufgeht. Die Schichten und Komplexitäten, die Brüche und Kanten, das Schöne und Schreckliche, welches seine Figuren jeweils in sich vereinen, machen uns Leser zu faszinierten Beobachtern. Wir wollen Dubois Darsteller näher kennenlernen. Selbst Gefängnisinsassen haben liebenswerte Marotten, während ein Priester vom wahren Glauben in wahrhaftige Abgründe stürzen kann.

Das komplexe Thema „Menschlichkeit“ wurde wohl selten so melancholisch, federleicht humorvoll und erschütternd zugleich auf dem literarischen Parkett ausgebreitet wie in diesem Roman. Der studierte Soziologie Jean-Paul Dubois hat einen scharfen Blick für die Seele und die skurrilen, einzigartigen Momente des Daseins. Zum Glück hat er seinen Beruf als Sportreporter an den Nagel gehängt, sich ganz der Schriftstellerei gewidmet und dafür etliche Preise eingeheimst. Neben seinem subtilen Humor ist dem Autor deutlich seine Neugierde auf das Leben anzumerken. Er bewegt sich grazil zwischen verschiedenen Kulturen und Welten. Eine von Dünen verschlungene Kirche auf Skagen, ein französischer Lichtpalast, der sich vom Programm- zum Pornokino wandelt oder das biologische Wunder des Kolibris – mühelos schlägt Dubois Brücken, führt alles zusammen.

Ein großartiger, bittersüßer Roman, von dem man sich wünscht, dass alle Autoren ihre Charaktere mit derselben Sorgfalt und Weitsicht ausformulieren würden!

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise.
dtv, Juli 2020.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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