Jean-Luc Bannalec: Bretonisches Vermächtnis

Der Sommer braucht seine eigene Lektüre! Und weil dies so ist, halte ich das Erscheinungsdatum von Kommissar Dupins achten Fall für bewusst und geschickt gewählt. Aber in diesem Band ist es nicht das Erscheinungsdatum allein, das Urlaubsstimmung aufkommen lässt. Protagonist Dupin darf in Concarneau, quasi vor seiner eigenen Haustür, ermitteln. Und hier schlägt auch das Herz des Autors. Jean-Luc Bannalec macht aus seiner Vorliebe für die Südbretagne kein Geheimnis. Sein Kommissar darf, neben seiner Ermittlungstätigkeit, hemmungslos schwärmen für bretonische Landschaften, Strände, Orte und Produkte, von seinen kulinarischen Vorlieben ganz zu schweigen. Ganz selbstverständlich wird das „Amiral“, Dupins Stammrestaurant, zum Besprechungsort für das Ermittlerteam, in das zwei neue Polizistinnen eingeführt werden. Stellenweise erweckt der Autor den Eindruck, als wolle er dem Ort der Handlung, Concarneau mit seinen Häfen, mit seiner Altstadt, Galerien, Restaurants und Traditionen eine besondere Würdigung zuteilwerden lassen. Immer wieder hat der Lesende das Gefühl: „Ich muss da mal hin.“ Ein gewollter Nebeneffekt zum Krimiplott? Warum nicht!

Eine alte Geschichte holt die Gegenwart ein. Es braucht seine Zeit, bis der Kommissar begreift, dass der Krimi „Gelber Hund“ von Georges Simeon, der 1031 veröffentlicht wurde und in Concarneau spielt, mit seinen aktuellen Morden zu tun hat. Zunächst aber hat der Kommissar mit der Gegenwart zu tun: Es ist Freitagnachmittag im Frühsommer vor dem Pfingstwochenende. Concarneau bereitet sich auf die Eröffnung des traditionellen Musikfestivals in der Altstadt vor. Dieses Fest gilt als Auftakt zum Sommer. Mitten in diese heitere Stimmung stürzt der stadtbekannte Arzt Doktor Chaboseau aus dem zweiten Stockwerk seines Wohnhauses und stirbt. Schnell wird klar: Der Doktor wurde gestürzt. Warum?

Dupin wird kalt erwischt. Sein komplettes Team ist im Urlaub. Seine Schwiegereltern haben sich angesagt und würden familiäre Präsenz von ihm fordern. Die Stadt befindet sich schon im Feiermodus. Keine guten Voraussetzungen für eine schnelle Ermittlung, zumal der Mord an Doktor Chaboseau nur der Auftakt für weitere Verbrechen darstellte. Aber das weiß Dupin ja noch nicht. Er nimmt es professionell und macht sich an die Arbeit. Mit hohem Tempo und gewohnter Intensität geht er vor. Für seine neuen Kolleginnen ist seine „unlogische“ Vorgehensweise gewöhnungsbedürftig. Der Kommissar stochert im Dunkeln nicht jedoch, ohne sein atemberaubendes Ermittlungstempo zu drosseln. Ganz nebenbei lernt der Leser viel über Concarneau kennen. Die Geschichte des Fischfangs, die Fischverarbeitung in Restaurants und Konservenfabriken. Irgendwann findet Dupin dann doch „schwarze Flecken“, die an der heilen Fassade der Stadt zweifeln lassen. Für Dupin sind alle verdächtig: die Arztfamilie, ein Weinhändler, ein Apotheker, alle Großinvestoren und Geschäftsleute. In stoischer Manie arbeitet er sich an sie heran. Natürlich hat er für seine Familie keine Zeit. Es ist für Claire, seiner Freundin, ein schwacher Trost, dass er sich schnelle Aufklärung bemüht, was ihm tatsächlich gelingt. Erstaunlich, denn er hat es mit Mord, versuchtem Mord, Sabotage und einer alten Geschichte zu tun.

Fazit: Mehr als eine Sommerlektüre! Mir hat der Plott gut gefallen. Er kam spannend und gut zu lesen daher. Auch den örtlichen Bezug mit seiner Rückkehr in die Südbretagne empfand ich als gelungen.

Bannalecs Erzähl- und Schreibstil macht Lust auf mehr. Auf mehr Krimi und auf mehr Bretagne. Seine Charaktere werden zu Begleitern für den Lesenden, von denen man mehr lesen möchte. In der Hoffnung auf einen neunten Fall für Dupin möchte ich für den achten eine uneingeschränkte Leseempfehlung geben.

Jean-Luc Bannalec: Bretonisches Vermächtnis.
Kiepenheuer&Witsch, Juni 2019.
320 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Martin Simon.

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