Jason Starr: Seitensprung

Jack Harper ist unglücklich. Er lebt in einer lieblosen Ehe, hat seit vier Jahren keinen Sex mehr mit Ehefrau Maria gehabt. Seine Karriere als Musiker ist gescheitert, mit seinem verhassten Job als Immobilienmakler kann er sich kaum über Wasser halten. Gemeinsam mit Sohn Jonah wohnt die Familie in einer viel zu kleinen Wohnung in New York, geplagt von ständigen Geldsorgen. Zudem knabbert Jack an seiner Vergangenheit, besucht mehrmals wöchentlich die Anonymen Alkoholiker. Sein Selbstwertgefühl ist am Boden, da taucht ausgerechnet sein alter Mitbewohner Rob auf. Der großspurige Angeber hat in Los Angeles Karriere gemacht und sucht eine Stadtwohnung für „diskrete Seitensprünge“, wenn er in der Ostküstenmetropole ist. Zuerst angewidert, erfährt Jack von der Seite „Discret Hookups“ in der sich unglücklich Verheiratete zu Seitensprüngen, online und real, verabreden. Laut Rob hätten diese seine Ehe gerettet. In einem schwachen Moment besucht Jack das Onlineportal und lernt dort die Userin „Fugitive Red“ kennen. Sofort scheint zwischen den beiden eine magische Verbindung zu entstehen. Sexuell schaukelt sich der virtuelle Flirt schnell in ungeahnte Höhen, inklusive detaillierter SM-Fantasien, die Fugitive Red anregt. Jack steigt darauf ein und verabredet sich mit Sofie, so ihr richtiger Name, in ihrem Zweitwohnsitz in einem New Yorker Nobelviertel. Im letzten Moment plagen ihn Gewissensbisse. Er geht zu dem vereinbarten Treffpunkt, um ihr abzusagen. Doch er findet nur ihre Leiche vor. Stranguliert im Bett mit einer roten Krawatte, was wie ein „autoerotischer Unfall“ aussieht, ein aus den Fugen geratenes Sexspiel. Ein Sexspiel, das Jack per Chat angekündigt hat und ihn zu einem Hauptverdächtigen macht.

Doch Jack ist fest davon überzeugt, dass Sophies Ehemann dahintersteckt, der gegenüber Sophie mehrmals gewalttätig geworden sei. Doch der Ehemann hat ein wasserdichtes Alibi. Zudem scheint sich der ermittelnde Detective Barasco auf Jack eingeschossen zu haben. Viele seiner vergangenen Taten wenden sich plötzlich mit aller Härte gegen Jack. Seine Vergangenheit als Alkoholiker inklusive diverser Prügeleien und Körperverletzungen. Seine virtuell angekündigten SM-Praktiken im Zuge eines Online-Seitensprungs. Seine Wutausbrüche, die er regelmäßig in Stresssituationen an den Tag gelegt hat. Jack unterschätzt zunächst die Situation und sorgt sich eher um seine Ehe mit Maria. Am meisten um seinen über alles geliebten Sohn Joshua, da Maria ihm bereits mehrmals angedroht hat, ihn im Falle einer Scheidung das Kind wegzunehmen.

Zu allem Überfluss kommen in dieser Stresssituation Jacks alte Verhaltensmuster wieder zu Tage, die er aus seiner Zeit als Suchtkranker kennt. Zuerst aktiviert Jack sämtliche Verdrängungsmechanismen. Er streitet ab, versucht Dinge auszublenden und schönzureden. Als das Fluchtverhalten nicht mehr funktioniert, verfällt er in emotionale, destruktive Verhaltensmuster. Er handelt impulsiv und irrational. Damit reitet sich immer weiter ins Verderben. Plötzlich wird er nicht nur mit einem, sondern gleich mit drei Mordfällen in Verbindung gebracht. Er verliert nach und nach jeglichen Halt in seinem Leben. Gejagt von Presse und Polizei, wenden sich immer mehr Menschen von ihm ab. Bis er am Ende gar nicht mehr zu verlieren hat. Aber wie heißt es doch so schön in dem Roman: „Das Tolle an einem Tiefpunkt ist, dass es danach nur noch aufwärts gehen kann.“

Allerdings muss Jack bis dahin etliche Tiefpunkte wegstecken. Jedes Mal, wenn er denkt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, kommt es noch schlimmer. Jason Starr hält wirklich nichts von „Heldenschonung“. Es bereitet dem Autor sichtliches Vergnügen, seine Hauptfigur immer tiefer in den Abgrund zu stoßen. Dadurch nimmt das Buch sehr schnell an Fahrt auf. Jacks Niedergang liest sich wahnsinnig spannend, wenngleich man beim Lesen manchmal versucht ist, direkt in den Plot zu springen und den Protagonisten durch eine Ohrfeige wachzurütteln. Auf einer tieferen, psychologischen Ebene macht Jacks Absturz Sinn. Denn spät – fast zu spät – erkennt Jack, dass er endlich selbst Verantwortung für sein Leben übernehmen muss, anstatt die Schuld für seine Miseren anderen zuzuschreiben. Ab diesem Moment der Erkenntnis wird Jack wieder handlungsfähig. Genauso schnell und schonungslos wie sein Niedergang, versucht er sich nun wieder den Weg nach oben zu bahnen. Inklusiver mancher „Bad-Ass“-Momente.

Jason Starr ist ein sehr spannender Pageturner gelungen, der seine Suspense nicht aus blutrünstigen Gewaltszenen bezieht, sondern den Absturz eines Menschen begleitet, der seine Vergangenheit hinter sich lassen muss, um über sich selbst hinauszuwachsen. Denn ganz egal, wie gut wir sie verdrängen, irgendwann holen uns unsere ungelösten Probleme wieder ein. Seine Hauptfigur Jack ist äußerst ambivalent, was sie sehr interessant macht. Er ist einerseits liebevoller Vater und im Grunde seines Herzens „ein guter Kerl“, doch Neid und Komplexe rufen zerstörerische Verhaltensmuster in ihm hervor. Auch die Millionenmetropole New York erweist sich als knallhartes Pflaster für all jene, die nicht zur gutverdienenden Elite gehören. Dass wir dabei ganz nah an Jack herankommen, hat sicherlich mit der Vita des Autors zu tun. Jason Starr ist in Brooklyn aufgewachsen und hat sein ganzes Leben in New York verbracht. In seiner Vergangenheit hat er sich neben dem Schreiben als Telefonverkäufer sowie als Verkäufer von Parfums, Computern und unzerreißbaren Strumpfhosen über Wasser gehalten. Heute muss er das nicht mehr tun. Seine Krimis sind internationale Besteller.

Die Süddeutsche Zeitung wählte zum Beispiel seinen Thriller „Top Job“ zu den wichtigsten Romanen der letzten 60 Jahre.

Fazit: „Seitensprung“ liest sich wie eine unendliche Abwärtsspirale in atemlosem Tempo. Kann eine Fehlentscheidung, ein unbedachter Moment das ganze Leben zerstören? Oder hat sich der Absturz schon lange zuvor angekündigt, verdrängt und todgeschwiegen? Die pulsierende Metropole New Yorks passt hervorragend zur inneren Unruhe der Hauptfigur. Sie gibt dem Plot ein eigenes, stimmiges Tempo. Ein (raben-)schwarzer Thriller mit bitterbösen Spitzen und Abgründen.

Jason Starr: Seitensprung.
Diogenes, Mai 2020.
400 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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