Jarrett J. Krosoczka: Hey, Kiddo

Es gibt Bücher, die beim Lesen etwas auslösen, insbesondere wenn ein Thema viele Menschen jenseits der Überholspur beschäftigt. Dem amerikanischen Autoren und Zeichner Jarrett J. Krosoczka ist dies gelungen, in dem er seine persönliche Geschichte erzählt und damit tendenziell an die des legendären Tellerwäschers erinnert. Denn der Unterschied zwischen reich und arm ist riesengroß geworden und hat damit die Chancenungleichheit zementiert. Armut ist ein Synonym für schlechte Bildung, gering bezahlte Jobs, eine unbezahlbare Krankenversicherung, ein Wohnungsumfeld mit Kleinkriminalität und Bandenkriegen, bei denen Unbeteiligte ins Schussfeld geraten können. Kinder, die in einem schwierigen Umfeld groß werden, haben selten die Chance, die traurige Karriere ihrer Eltern hinter sich zu lassen, um ihre eigene zu finden.

Hey, Kiddo ist so eine Geschichte. Der kleine Jarrett wird so von seiner heroinsüchtigen Mutter genannt, die aufgrund ihrer Erkrankung seine ganze Kindheit und Jugend verpasst. Der Großvater Joe sorgt dafür, dass Jarrett bei ihm und seiner Frau Shirley aufwächst. Dort lebt er im Kreis seiner jungen Tanten und Onkel. Die ganze Zeit wird Jarrett von Alpträumen heimgesucht, die ihn nicht loslassen wollen. Vermutlich haben die drogenabhängigen Freunde seiner Mutter einen bleibenden Eindruck bei dem kleinen Jarrett hinterlassen.

Als er noch klein war, wollte er mit seinen Bildern anderen eine Freude machen. Irgendwann fällt ihm auf, dass nicht nur er in der Familie gut zeichnen kann. Später bemerkt Jarrett, wie ihm sein Talent hilft, Kummer zu verarbeiten. Er entdeckt in der Kreativität seine persönliche Freiheit und wie er mit humorvollen Cartoons andere für sich einnehmen kann. Sein Humor zeigt sich auch in seinem Wandbild in der Schule, in das er den Lichtschalter integriert.

Jarrett Krosoczka hat mit seiner gelungenen Graphic Novel für Jugendliche nicht nur seine persönliche Geschichte erzählt sondern auch die seiner Familie. Sie alle haben gelernt, trotz all ihrer Fehler an der Liebe festzuhalten.

Das traurige Umfeld hält er in Grautönen fest. Gleichzeitig verwendet er in seiner ausdrucksstarken Bildgestaltung einen dunklen Orangeton, der für die Lebensfreude steht und nie seine Kraft verliert. In dieser Konstante schenkt das warme Orange gleichzeitig auch Hoffnung.

Mit persönlichen Fotos und Motiven, wie zum Beispiel die von der Lieblingsfrucht seiner Großmutter, beginnen die einzelnen Kapitel und Jarretts Lebensabschnitte. Sie verleihen seinem Buch noch mehr Authentizität und Glaubwürdigkeit.

Bereits frühere Arbeiten des Künstlers hatten Erfolg. Sein persönlichstes Werk hat – wie eingangs erwähnt – einen Nerv bei seinen Landsleuten getroffen. Denn auch in einer Außenseiterposition scheint alles möglich, wenn Fleiß und die Liebe in der Familie Hand in Hand gehen.

Ulrich Thiele übersetzte dieses Buch aus dem Amerikanischen.

Jarrett J. Krosoczka: Hey, Kiddo.
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrich Thiele.
Loewe, Juni 2022.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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