Jan Weiler: Der Markisenmann

Für die fünfzehnjährige Kim sollte die Abschiebung zum fremden Vater eine Strafe sein. Während ihre Mutter, ihr Stiefvater und Halbbruder einen Luxusurlaub in Miami genießen, wird sie wie ein Gepäckstück in den Zug von Köln nach Duisburg gesetzt. Am Bahnsteig steht sie zum ersten Mal ihrem leiblichen Vater gegenüber, der in ihrem Leben stets der totgeschwiegene Mann mit den unscharfen Konturen war. Manchmal rutschte ihrem Stiefvater der Ausdruck „der feine Herr Papen“ heraus. Kim stellt sich dann einen erfolgreichen Geschäftsmann im Anzug vor. Aber erst als sie in die gleichen blauen Augen wie die ihrigen schaut, weiß sie instinktiv, wohin die Reise geht. Kurz darauf wohnt sie in einer Lagerhalle in einem abgelegenen Industriegebiet. Allein schon der Anblick des winzigen Raumes ohne Fenster, in dem sie schlafen soll, schockiert sie bis ins Mark. Bisher nutzte ihr Vater die Abstellkammer für sein Werkzeug, aber für Kims Gepäck hat er vorsorglich ein paar Fächer in den Metallregalen freigeräumt. Und während sie über die Aussicht einer Flucht nach Köln nachdenkt, lernt Kim Ronald Papen, den Markisenmann, und eine völlig andere Lebensphilosophie kennen. Sie lernt viel über sich und das Leben, und plötzlich, ohne es zunächst zu bemerken, hat sie eine Menge Spaß und Papens Geheimnis, das sie unbedingt lüften will.

Jan Weiler ist erfolgreicher Journalist und Schriftsteller. Sein Debüt ‚Marie, ihm schmeckts nicht‘ gilt in Deutschland als das erfolgreichste der letzten Jahrzehnte. Danach wurden auch andere seiner humorvollen Romane verfilmt und einem breiten Publikum bekannt. Ein Schreibtalent wie Jan Weiler kann natürlich auch noch einiges mehr, wie zum Beispiel das Schreiben von Kriminalromanen, Kolumnen und Drehbüchern. Ähnlich wie in der Serie ‚Das Pubertier‘ steht eine Vater-Tochter-Beziehung im Zentrum einer humorvollen Geschichte, die dieses Mal 2005 im tiefsten Ruhrpott angesiedelt ist. Kreativ und eigensinnig hilft Kim ihrem erfolglosen Vater, den Vertrieb seiner Markisen aus der ehemaligen DDR voranzutreiben. Schließlich hat sie von ihrem Stiefvater Heiko gelernt, wie man Ideen an Gutgläubige verkauft und lukrative Geschäfte macht. Dass sie dabei die Folgen nicht im Blick haben kann, darf man ihren jungen Jahren zugutehalten.

Die sympathische Erzählerin Kim beschreibt rückblickend aus der Sicht der Erwachsenen, wie ihr Vater die Weichen ihres verkorksten Lebens neu stellt. Die Kehrseite der Wohlstandsverwahrlosung thematisiert der Autor dabei nur am Rande. Ihm geht es offensichtlich um den direkten zwischenmenschlichen Austausch, der heilend und belebend zugleich für angenehme, extrem unterhaltsame Unordnung sorgt.

Jan Weiler: Der Markisenmann.
Heyne, März 2022.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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