Jan Costin Wagner: Sonnenspiegelung

Ein plötzlich verstorbener Familienvater, ein geplanter Selbstmord, ein fehl geschlagener Einbruch. Jan Costin Wagners acht faszinierende Geschichten aus „Sonnenspiegelung“ befassen sich mit den Schattenseiten der menschlichen Existenz. Mal bricht das Dunkel scheinbar plötzlich in eine sommerliche Idylle hinein, mal wartet ein schwarzes Loch aus der Vergangenheit darauf, die Gegenwart für sich zu vereinnahmen. Fassaden brechen, Masken fallen.

Jede Story gleicht einer emotionalen Tour de Force mit ungewissen Ausgang. Dank atemberaubend eingebauter Wendungen können wir uns nie sicher sein, was der mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnete Autor uns hier literarisch vorspiegelt.

In manchen Geschichten wird das kommende Unheil subtil angedeutet. Ein Fotograf verzweifelt über die Lichtverhältnisse eines Motivs. Eine Frau weicht auf einer Silvesterparty der Umarmung ihres Mannes aus. Eine Heimkehrerin verliert sich an Weihnachten in der Betrachtung ihres Kinderfotos. Manchmal werden wir auch unmittelbar in eine Ausnahmesituation hinein katapultiert. Ein Unbekannter starrt stundenlang wortlos in das Haus eines Ehepaars, ohne dass die Polizei etwas dagegen unternehmen kann. Ein Verfolgter muss mit seiner bewegungslosen Begleiterin aus einem umzingelten Haus flüchten.

Der Buchtitel „Sonnenspiegelung“ hätte nicht treffender gewählt werden können. Dies liegt nicht nur an den Bildwelten rund um die Sonne, die in vielen Geschichten eingebaut sind. Jan Costin Wagners Prosa tangiert zwischen Dämmerung und Sonnenaufgang. Erst nach und nach lösen sich aus dem Dunkel einzelne Konturen, gewinnen wir Klarheit über mögliche Hintergründe. Noch während wir versuchen, die Hinweise des gerade Gelesenen zu reflektieren, hat uns der Autor längst hinters Licht geführt. Er tischt uns Sonnenspiegelungen auf und demaskiert sie als unser eigenes, vorgefertigtes Trugbild. Nichts ist so, wie es scheint.

Das Grauen erscheint ebenso unerwartet wie unblutig. Wagner braucht sich nicht in ekelerregenden Details zu verlieren, um atemlose Spannung zu erzeugen. Gänsehaut breitet sich aus, wenn er den Spiegel umdreht. Wenn wir bemerken, dass jene Figur, mit der wir seitenlang mitgefiebert haben, nicht die vermeintliche Lichtgestalt ist. Sondern etwas Abgründiges, Finsteres verkörpert.

Bei Jan Costin Wagners Geschichten können wir nie sicher sein, ob wir gerade im Kopf des Opfers oder Täters gelandet sind. Das Irre und Dunkle wird behutsam eingeführt. Licht und Schatten verschmelzen, flimmern vor unseren Augen wie eine Fata Morgana.

Bei jeder neuen Story sind wir mehr auf der Hut. Wir trauen niemandem mehr. Wir rechnen stets mit dem Schlimmsten. Umsonst: Denn es kommt alles weitaus schlimmer.

Jan Costin Wagner: Sonnenspieglung.
Goldmann, Februar 2017.
192 Seiten, Taschenbuch, 8,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.