Jan Christophersen: Ein anständiger Mensch

Zum konzentrierten Schreiben zieht der Erfolgsschriftsteller Steen de Friis sich auf eine kleine Insel in Dänemark zurück, wo er ein geerbtes Haus besitzt. Frauke, seine Frau, kommt meist nur an den Wochenenden. An einem dieser Wochenenden erwarten die beiden Gäste, die in einer teuren Yacht anreisen: Ute, Steens langjährige Literaturagentin und deren Partner Gero. Das Zusammentreffen der beiden Paare knistert von Anfang an vor Anspannung. Da sind zum einen Steens Vorahnungen, zum anderen Fraukes Forderung nach einer offenen Partnerschaft, was sie und Steen sich vor vielen Jahren einmal gegenseitig zugestanden haben. Fraukes Andeutungen und ihr Gebaren Gero gegenüber sind eindeutig. Dazuhin übt auf Frauke auf Gero offensichtlich dieselbe Anziehung aus, wie er auf sie. Auch Ute spielt mit ihren Reizen Steen gegenüber. Und Steen, der medienerprobte Erfolgsautor, der ansonsten um keinen öffentlich bekundenden Rat in puncto „Anstand“ verlegen ist, weiß mit dieser Situation überhaupt nicht umzugehen.

Gero ist zum Rivalen für ihn geworden und Steens Welt- und Wertebild bröckelt. In seinen Büchern und in den Medien, in denen er partnerschaftliche Werte hoch ansetzt, weiß er für alle Problemlagen Rat. Doch nun, wo er selbst betroffen ist, kann er seine Anstandsregeln für sich und die eigene Partnerschaft nicht umsetzen. Seine Eifersucht zu zeigen scheint ihm ebenso unangebracht, wie Gero in seinem Balzgehabe zur Rede zu stellen. Viele unausgesprochene Dinge der Partner unter sich offenbaren sich sehr subtil in dieser sich verhängnisvoll entwickelnden Begegnung. Dazuhin kommen jede Menge metaphorischer Andeutungen, die ein kommendes Desaster erahnen lassen und die Spannung erhöhen.

Der Roman ist aufgegliedert in ein Davor (mit Kapiteln über den gegenwärtig ablaufenden Plot), in ein Danach (mit rückblickenden, vertiefenden Kapiteln des Geschehens) und in die kurze Zusammenfassung Über das Buch: Was bedeutet Anstand in der Liebe? Und wer hilft uns, wenn wir schuldlos schuldig werden? (eBook S. 262)

Steen de Friis erzählt die ganze Geschichte rückblickend. Seine psychische Verfassung ist gut nachvollziehbar geschildert. In seinen Gedankengängen, die sich in Teilen jedoch manchmal etwas zu langatmig und weit ausholend lesen, offenbaren sich seine ureigenen Schwächen. Deutlich wird auch, dass Steen sich als Privatmensch den „Anstandsmantel“ seines Autorendaseins übergestülpt hat, unter dem sein eigentliches Ich verschwindet. So ist er fremd und unnahbar geworden für Frauke, die sein Verhalten oft als überheblich empfindet (was wohl auch der Ausschlag dafür war, dass sie einen eigenen Weg ausprobieren wollte).

Die Frage nach der Schuld bleibt offen und wirft nachwirkende Überlegungen auf: Wessen verhängnisvoller Fehler war es letztendlich, der die entstandenen Probleme aller zu verantworten hat? Steen sucht die Schuld bei sich, obwohl es auch ganz anders gewesen sein kann. – Aber selbst wenn, was würde dies an der Situation ändern?

Alles in allem gute Unterhaltungsliteratur.

Jan Christophersen: Ein anständiger Mensch.
Mare Verlag, Juli 2019.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.