James Runcie: Die Vergebung der Sünden

Sidney Chambers ist viel mehr als nur ein engagierter Pfarrer in England. Sein Ruf, Verbrechen aufzuklären, eilt ihm voraus. Immer wieder wird er gebeten, einem Verdacht nachzugehen oder sogar einen Mordfall aufzuklären. Weil bei ihm selbst Verbrecher redselig werden, beeindruckt der Pfarrer jeden mit seiner hohen Aufklärungsrate. Nur seine Frau Hildegard ist darüber nicht amüsiert, denn Sidney glänzt durch Abwesenheit. Ein glückliches Familienleben mit Kleinkind braucht einen präsenten Vater und Ehemann.

Sein Freund, Inspector Keating, holt Sidney ebenfalls auf den Boden der Tatsachen zurück: „ ‚… Die wirklich hässlichen Fälle mute ich dir meist gar nicht zu. Du lebst zu behütet, Sidney.‘
‚Behütet? Ich habe in den letzten zehn Jahren etliche grausige Verbrechen miterlebt.‘
‚Dann kannst Du dich auf weitere fünfundzwanzig gefasst machen. Und das sind nur die leichten Fälle, mit denen wir die Amateure glücklich machen.‘
“(S. 133)

Der Brite James Runcie hat um den ermittelnden Pfarrer Sidney Chambers bereits eine Reihe geschrieben. Dank seines Vaters, dem ehemaligen Erzbischof von Canterbury, kennt er sich mit den Interna und Querelen innerhalb der Kirchenverwaltung aus. Angesiedelt sind Chambers Ermittlungen im Raum Cambridge der 1960er Jahre. Im Stil dieser Zeit hat der Autor auch seine Kurzkrimis erzählt, die Renate Orth-Guttmann übersetzt hat.

Die in einem Buch gebündelten Erzählungen begleiten chronologisch Sidney Chambers Leben, verheiratet mit der deutschen Pianistin Hildegard und Vater der kleinen Tochter Anna. Passend zu dem beschaulichen Alltag eines Pfarrers entwickeln sich auch seine Ermittlungen. Blutiger Thrill und Extreme fehlen. Der ruhige Erzählrhythmus schafft es, von Geschichte zu Geschichte eine wachsende Neugier zu wecken. Im Zentrum stehen die Verbrechen des Alltags: Verbrechen aus Eifersucht, Mord zur Absicherung der Existenz, aber auch häusliche Gewalt, Kindesmissbrauch und Diebstahl. Während die Entlarvung der Straftäter entspannt über die Bühne geht, kämpft Sidney schwer mit seinen familiären Pflichten. Viel zu oft lässt er seine Familie mit allem allein, was der Alltag zu bieten hat, bis ihn die eine oder andere Mahnung wachrüttelt. Bei einem Gespräch mit seiner Frau Hildegard erfährt er beiläufig, dass sie den Gedanken an Mord mit einer anderen Leidensgefährtin teile.

James Runcie: Die Vergebung der Sünden.
Atlantik, Mai 2019.
384 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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