James Baldwin: Ein anderes Land (1962)

Eine literarische „tour de force“ der großen Emotionen mit gesellschaftspolitischem Sprengstoff: James Baldwin versteht es meisterhaft, seine LeserInnen zu fesseln, sie in den Sog aufreibender Beziehungen zu ziehen. Mal ist es die Hautfarbe, mal die sexuelle Orientierung, mal die sich über die Jahre verändernden Machtverhältnisse, an denen sich die Liebenden abarbeiten. Kein Wunder, dass dieses Buch bei seiner Erstveröffentlichung 1962 einschlug wie eine Bombe. Baldwin schreibt intensiv und lebensklug über Tabuthemen von Rassismus bis Homosexualität. Obwohl in seinem gesamten Plot kein einziger erklärter Rassist vorkommt, zeigt er, wie die unbewusste Ausgrenzung alle Lebensbereiche durchzieht. Selbst liberale Intellektuelle sind davor nicht gefeit. Heute wird dies als „weiße Fragilität“ und „Farbenblindheit“ bezeichnet. Ein und dieselbe Erfahrung kann nicht ohne den jeweiligen Hintergrundkontext bewertet werden. Schmerzlich nah führt uns der Autor an seine Figuren heran. Alles hat bei Baldwin eine tiefgreifende Bedeutung. Sogar die sehr sinnlichen und offenherzigen Sexszenen zeugen von einer emotionalen Wucht, die ganz andere Themen offenlegt.

Rufus, ein schwarzer junger Mann, verdreckt, hungrig, in zu dünnen Hosen, treibt durch die Straßen von New York. Er schläft in U-Bahnen, Hauseingängen, auf der Straße. Der einst gefeierte Jazz-Musiker ist am Ende. Alles hat er verloren, von der Liebe bis zur Selbstachtung. Nicht mal der kurze Blick in eine Jazz-Bar kann ihn noch aufmuntern. Denn: „Die Musiker wussten, dass keiner zuhörte, dass man blutleere Menschen nicht bluten lassen kann.“ Seine Wut auf die Weißen, das System, die eigene Hautfarbe ist immens. Er erinnert sich, welch feindseligen Blicke ihm zugeworfen wurden, als er mit seiner weißen Freundin durch die Straßen lief. An den Polizisten, der ihn hassen gelehrt hatte. An Männer, die ihn auf jede erdenkliche Art benutzt haben. An seine weißen Freunde, die trotz aller Offenheit nie verstehen würden, was in ihm vorgeht. Am Ende wählt er den Sprung von der Brücke. Allein dieses erste Kapitel ist Baldwin so intensiv gelungen, dass es unmöglich ist, die Seiten aus der Hand zu legen.

Rufus Selbstmord hat Auswirkungen auf sein gesamtes Umfeld. Die fragile Balance der Beziehungen gerät aus dem Gleichgewicht. Sein bester Freund Vivaldo macht sich schlimme Vorwürfe, nicht eher gehandelt zu haben. Einen Teil scheint er wieder bei Rufus Schwester Ida gutmachen zu wollen, in die er sich verliebt. Ida möchte in die Fußstapfen ihres Bruders treten und betritt als Sängerin die Bühne. Doch auch sie ist von demselben Hass getrieben, erfüllt von Rachegedanken an ein System, in dem sie nur als Verliererin hervorgehen kann. Kann eine Beziehung unter diesen Vorzeichen gelingen? Auch Richard und Cass müssen sich als intellektuelles Pärchen durch den Tod ihres Freundes mit unangenehmen Fragen auseinandersetzen. Als ihre beiden Söhne von schwarzen Kids auf der Straße verprügelt werden, lodert plötzlich Richards latenter Rassismus hervor. Zuletzt hinterlässt Rufus Ableben auch Spuren im Leben von Eric, mit dem Rufus einst eine ungesunde Liebe zwischen Macht und Demütigung verband. Vor dieser schmerzhaften Episode ist Eric nach Frankreich geflohen, wo er seit zwei Jahren eine glückliche Beziehung mit Yves führt. Doch ein wichtiges Schauspiel-Engagement führt Eric wieder zurück in die Heimat. Hier muss er sich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen. Eric hat durch den Abstand allerdings an Reife und Selbstachtung gewonnen, weshalb die anderen sich bald auf die eine oder andere – auch sexuelle Weise – an ihn klammern. In ihm erkennen sie etwas, was ihnen fehlt. Das Aufbrechen alter Strukturen sowie das Suchen und Finden von neuen kennzeichnen die weitere Entwicklung der einzelnen Charaktere. Dafür müssen sich manche von ihnen erst selbst erniedrigen. Fallen, um wieder aufzusteigen. Um endlich mit anderen auf einer Augenhöhe zu sein. Es brodelt im Hexenkessel von New York. In den 50er Jahren mehr denn je.

Emotional, politisch, menschlich – Baldwins Plot berührt auf mehreren Ebenen. Dazu trägt sein sprachliches Geschick bei. Er ist ein Virtuose in Sätzen, die sich messerscharf einprägen. Schonungslos bringt er die Dinge auf den Punkt. „Im Namen der Liebe reißen sie dich in Stücke, und wenn du tot bist… behaupten sie, du hättest keinen Charakter gehabt. Bittere Tränen vergießen sie – aber nicht um dich, um sich selbst, weil sie ihr Spielzeug verloren haben.“ Schöne, sinnliche Töne beherrscht Baldwin genauso, zum Beispiel wenn Vivaldo über die Farbnuancen auf dem nackten Körper seiner Geliebten ins Schwärmen gerät. Stets verleiht der Autor seinen Dialogen einen doppelten Boden. Vivaldo möchte Ida zeigen, dass die Welt nicht so schwarz ist, wie sie meint. Woraufhin sie entgegnet: „Oder so weiß.“

Jedes Wort ist in diesem rund 550-seitigen Plot am richtigen Platz, zur richtigen Zeit. Eine Anmerkung der Übersetzerin Miriam Mandelkow zur zeitgemäßen Umsetzung des afroamerikanischen Slangs rund um das „N-Wort“ sowie ein Nachwort von René Aguigah, der den Plot in Bezug zur Polizeigewalt und Black-Lives-Matter-Bewegung setzt, tragen Baldwins Prosa mühelos durch die Zeit und zeigen: In den letzten 70 Jahren hat sich das Gesicht des Rassismus zum Teil gewandelt, zum Teil auch nicht. Verschwunden ist er nie. Ebenso wenig wie der Hass auf Frauen, Transgender, Homosexuelle. Dank Autorin wie Baldwin schon allerdings schon ein großes Stück weiter.

Machen Sie sich auf einiges gefasst: Auf großartige Prosa, nach der Sie sich fühlen werden, wie durch den Fleischwolf gedreht. Dieses Buch reißt Masken herunter. Das Pulsierende, Aggressive, Sinnliche, Aufwieglerische der Metropole New York als Symbol für die moderne Gesellschaft, geht auf jeder Seite in den Blutkreislauf über. Baldwin stößt Gedanken an, die wir eigentlich schon zu Ende gedacht hatten. Oder dies zumindest glaubten. Weit gefehlt! Ein durch und durch faszinierendes Buch.

James Baldwin: Ein anderes Land (1962).
Aus dem Englischen übersetzt von Miriam Mandelkow.
dtv, Mai 2021.
576 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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