James Baldwin: Beale Street Blues (1974)

Tish und Fonny kennen sich seit Kindertagen. Sie gehen in die gleiche Schule und leben in einer Gegend von New York, wo die Armut zu Hause ist. Aus ihrer Freundschaft wird allmählich mehr. Als Tish 18 und Fonny 21Jahre alt sind, bemerken sie eine Veränderung in ihren Gefühlen. Aus Freundschaft ist inzwischen Liebe geworden.

Für sein persönliches Glück hat Fonny im Prinzip alles richtig gemacht: Keine Drogenkarriere, keine Konflikte mit dem Gesetz, eine Leidenschaft für die handwerkliche Kunst und eine junge Frau, die seine Liebe erwidert und von ihm schwanger ist. An einem Abend, als Fonnys Freund Daniel sie zum Abendessen besucht, wird Fonny in seiner Wohnung verhaftet. Ihm wird die Vergewaltigung einer Latina am gleichen Abend vorgeworfen. Das Opfer und ein für seine Brutalität bekannter Polizist sagen gegen ihn aus. Fonny landet zum ersten Mal in einem Gefängnis, wo viele Schwarze häufig jahrelang auf ihren Prozess warten.

James Baldwin, geboren 1924 in New York, wurde durch seine ausgezeichneten Romane eine Ikone der Gleichberechtigung. Er wollte für jeden Menschen die gleichen Rechte, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft oder sexueller Orientierung. Sein Erzählstil erinnert immer wieder an die Rhythmen des Jazz. Der Blues im Alltag, die tiefe Traurigkeit, entfaltet sich in Baldwins vorletztem Roman Beale Street Blues. Bilderreich und originell erzählt James Baldwin, wie Tish und Fonny alle Facetten des Rassismus erfahren. Dieser ist so allgegenwärtig, dass er schon als normal gilt. Fonnys Schwestern zum Beispiel erheben sich über ihren tiefschwarzen Bruder, weil ihre Haut viel heller ist.

Im New York der siebziger Jahre sind selbstverständlich die Privilegien ungleich verteilt. Dies zeigt sich unter anderem bei der Wohnungssuche von Tish und Fonny, die so arm sind, dass sie sich maximal einen Dachboden ohne Heizung leisten können. Schlecht bezahlte Jobs und polizeiliche Willkür bieten dem jungen Liebespaar eine Zukunft, die »natürlich« andere für sie ausgesucht haben. Untermauert wird dies mit einem Rechtssystem, bei dem Justicia vielleicht auch aus Scham ihre Augen verbunden hat: Bei der Gegenüberstellung auf dem Polizeirevier hat das vergewaltigte Opfer die Wahl zwischen einigen Weißen, ein paar Latino und einem Schwarzen. Da sie angab, von einem Schwarzen überfallen worden zu sein, kann ihre Antwort nur in eine einzige Richtung zeigen. Für die Ermittler ist der schnell gelöste Fall von Fonny einer von vielen. Jede Aufklärung verbessert ihre Statistik. James Baldwins Roman ist deshalb auch heute noch aktuell. Dafür muss der Leser nicht nach Westen schauen.

James Baldwin: Beale Street Blues (1974).
dtv, Juli 2018.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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