Ivy Pochoda: Wonder Valley

Los Angeles und die Wüste sind die Schauplätze von sehr unterschiedlichen Menschen, die aus der Bahn geworfen wurden. Angekommen sind sie an den Rand der Gesellschaft, ein Bereich, der erstaunlich belebt ist und an einen Schmelztiegel erinnert.

Über einen Zeitraum von knapp fünf Jahren begegnen sich eingefleischte Gauner, Jugendliche, Erwachsene und geben ihren Zufallsbekanntschaften ungewollt einen Impuls, der für die Betroffenen mehr Bedeutung erhält, als sie anfangs für möglich halten.

Die Amerikanerin Ivy Pochoda, geboren 1977, schreibt über fünf Lebensschicksale, die sie gekonnt miteinander verknüpft.

Einen nackten Jogger im morgendlichen Verkehrskollaps rennen zu lassen, ist mehr als nur ein gelungener Kunstgriff. Diese Schlüsselszene zeigt einen Befreiungsakt, der nur von dem biederen Anwalt Tony erkannt wird. Er fühlt sich von diesem Jogger motiviert, sein eigenes, enges Leben zu verlassen. Spontan steigt er aus seinem Wagen, lässt diesen mitten im Stau stehen und rennt los. Tony folgt dem Unbekannten, während die Bewohner der Stadt, die alles sehen, ihre Handyskameras einschalten. Auch die Polizei und Hubschrauber werden bei ihrer Jagd nach dem Nackten gefilmt, und trotzdem können sie ihn nicht einfangen. Stattdessen werden sie in Videos festgehalten, um für immer und ewig auf Youtube andere zu unterhalten. Der Polizeieinsatz endet mit Tonys ruppiger Verhaftung. Im Laufe des Verhörs erzählt ihm ein Beamter, er müsse sich auf eine saftige Strafe einstellen. Tonys persönliches Lehrgeld wird die Erkenntnis sein, seiner inneren Stimme zu folgen und das eigene festgefahrene, unglückliche Leben zu ändern.

Die Autorin schreibt in einer freundlichen, eindringlichen Sprache von Lebensschicksalen, die durch eine Dummheit, durch Zufall oder einfach nur aus einem Unglück heraus in die falsche Richtung gedrängt wurden. Ihr Episodenroman liest sich nicht nur sehr spannend und ergreifend, er zeigt gleichzeitig einige Schattenseiten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ihre Version von Amerika schlägt auf die Kleinen, die Armen und Unglücklichen mit einer solchen Wucht, dass man sich verwundert die Augen reibt, wie in einer solchen Hoffnungslosigkeit noch Hoffnung wachsen kann. Entstanden ist ein Gesellschaftsbild, das beste Unterhaltung auf einem hohen literarischen Niveau schenkt.

Zum Glück aller anspruchsvollen Leser hat der Verlag Ivy Pochodas dritten Roman erstmalig ins Deutsche übersetzen lassen. Den Übersetzern Sabine Roth und Rudolf Hermstein ist es gelungen, einen Sprachrhythmus einzufangen, der besonders im Prolog an einen ehrlichen Rappsong erinnert und gleichzeitig in einer veredelten Form konserviert wurde.

Ivy Pochoda: Wonder Valley.
ars vivendi, Februar 2019.
400 Seiten, Taschenbuch, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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