Isabelle Autissier: Klara Vergessen

Spätestens seit Alexander Solschenizyns 1973 erschienenem Roman Archipel Gulag erfuhr die westliche Welt von den gefürchteten Straflagern, den Gulags, nördlich des Polarkreises. Bekannt ist, dass von einst rund 20 Millionen inhaftierten Menschen, die in diesen Lagern Zwangsarbeit unter schrecklichen Bedingungen ableisten mussten, zwei Millionen verstarben. Auch nach Stalins Tod 1953 besteht das System der Straf- und Arbeitslager bis heute weiter. In den Nachkriegsjahren versuchte das sowjetische System mit der Zwangsarbeit der Inhaftierten das am Boden liegende Land wieder aufzubauen. Die Auswirkungen des sowjetischen Staatsterrors bekamen auch die Angehörigen der Inhaftierten zu spüren. Mit welchen Konsequenzen und wie weitreichend diese Folgen noch für Generationen danach sein können, davon erzählt dieses Buch.

Ausgangsort von Klara Vergessen ist die Stadt Murmansk. Juri, ein Professor und Ornithologe, der in den USA lebt, kehrt nach 23 Jahren in seine alte Heimat Murmansk zurück, wo sein Vater im Sterben liegt. Nie wieder wollte er seinem Vater begegnen, der ihm die Kindheit zur Hölle machte, indem er in jeder Hinsicht Grenzen überschritt. Nun soll er sich auf Wunsch des Vaters auf die Spurensuche seiner Großmutter Klara begeben, was dieser selbst nie fertig gebracht hatte. Über Klara, die Geologin war, wurde in der Familie nicht geredet. Sie wurde wie so viele andere, Anfang der Fünfzigerjahre, als Juris Vater Rubin gerade vier Jahre alt gewesen war, als Staatsfeindin festgenommen. Nie wieder hatte man von ihr gehört. Doch mit ihrem Verschwinden hatte sich eine Schande, unter der alle zu leiden hatten, über die restliche Familie gelegt. Eben dieses Schicksal verhinderte fortan ein erträgliches Familienleben. Keiner gab dem anderen – vor allem nicht Juri, einen Halt und Zufluchtsort. So flüchtete Juri sich in die Einsamkeit und beobachtete Vögel. Dabei war er glücklich, fühlte sich frei. Er widersetzte sich dem Wunsch seines Vaters, der aus ihm einen Schiffskapitän, wie er es selbst war, machen wollte.

Noch immer, selbst siebzig Jahre nach Klaras Verschwinden, stellt Juri bei seinen Recherchen fest, dass die Nachwirkungen und die Ängste, die MGB und KGB hinterlassen haben, präsent unter den Menschen sind. Juri erfährt von seinem Vater, wie er als Sohn einer Verstoßenen dennoch die Chance nutzte, eine Ausbildung als Seemann zu durchlaufen. Durch enormes Durchhaltevermögen und mit Gewalt stellte er sich allen Anforderungen. Diese Gewalt, die ihn durch sein ganzes Leben begleitete, entlud er auf seinen Sohn, um ihn härter fürs Leben zu machen. Juri entfremdete sich dadurch nur umso mehr vom Vater. Dagegen war ihm seine Großmutter Klara in vielen Bereichen sehr ähnlich. Vor allem ihr Schicksal wird eindringlich aufgezeigt. Außerdem stößt Juri bei seinen Nachforschungen noch auf eine andere, erschreckende Wahrheit, die alle drei Familienmitglieder – ihn, seinen Vater und Klara verbindet. Am Ende seiner Suche hat er die vollständige Klarheit über das Schicksal von Klara nicht gefunden. Doch während er auf den Spuren seiner Großmutter wanderte, ist er nicht nur sich selbst, sondern natürlich auch Klara und seinem Vater Rubin ein großes Stück näher gekommen.

Es ist eine energiegeladene Familiengeschichte, in der sich  aufwühlend geschilderte Überlebenskämpfe über drei Generationen hinweg in einem anfangs von Gewaltherrschaft dominierten politischen System fortsetzen. Isabelle Autissiers Figuren sind aus dem Leben gegriffen und lassen nicht mehr los. Sie thematisiert außer den Grausamkeiten in russischen Straflagern die damit verbundenen Denunziationen, die Lebensweise der Nenzen, den Nomaden in der Tundra und den Raubbau mit den dort vorkommenden Bodenschätzen. Der Plot wechselt zwischen dramatischen Szenen mit einfühlsamen Abschnitten und schönen Naturbeschreibungen über Vogelbeobachtungen, der Tundra und des Meeres.

Die Autorin Isabelle Autissier umsegelte 1991 im Rahmen einer Regatta allein die Welt. Ihr 2017 erschienener Roman Herz auf Eis wurde für den Prix Goncourt nominiert und war Spiegel-Bestseller.

Klara Vergessen hat Kirsten Gleinig vom Französischen ins Deutsche übersetzt.

Isabelle Autissier: Klara vergessen.
mare Verlag, Februar 2020.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.