Isabell Beer: Bis einer stirbt: Drogenszene Internet

Mit 13 raucht Leyla ihren ersten Joint, ihr wird übel davon, doch sie will unbedingt die berauschende Wirkung spüren, von welcher die anderen schwärmen. Irgendwann funktioniert es und von da an raucht sie regelmäßig. Später kommen andere Drogen dazu, Kokain, Pep, schließlich auch Heroin. Sie will alles ausprobieren.

Josh hat seinen ersten Kontakt mit Marihuana mit 15 im Internat. Das Rauschmittel wird Teil seines Alltags, daran ändert sich auch nichts, als seine Eltern ihm wieder nach Hause holen. Die Schule wird immer uninteressanter, irgendwann geht er nicht mehr hin. Er experimentiert mit verschiedenen Stoffen, mit Amphetaminen, Ecstasy, mit Kräutermischungen, Marihuana, verschiedenen Medikamenten und Research Chemicals. Mehrere Male überlebt er nur knapp. Mit 19 stirbt er an einer Überdosis, bei der Obduktion wird eine Mischung verschiedener gefährlicher Stoffe nachgewiesen. Auf dem Buchcover steht vor seinem Namen ein Kreuz.

Beide Jugendlichen kommen aus einem fürsorglichen Elternhaus. Joshs Eltern trennen sich einvernehmlich und ohne Streit, nachdem er aus dem Internat zurückkommt, und ich hatte beim Lesen seiner Lebensgeschichte nie den Eindruck, dass seine Sucht Resultat dieser Trennung war. Sowohl Josh als auch Leyla werden Teil einer Community, Josh, der vorher nur für Computerspiele Interesse gezeigt hatte, schließt sich verschiedenen Gruppen im Internet an, findet online neue Freunde. Leylas Kontakte entstehen vor allem im realen Leben.

Die Autorin Isabell Beer hat über drei Jahre Gespräche mit Leyla und ihrem Umfeld und auch mit den Eltern und Freunden von Josh geführt. Sie hat die Drogenerfahrungen der beiden Jugendlichen dokumentiert. Leyla schildert offen, warum sie immer wieder konsumiert. Ich lerne sie als intelligente junge Frau kennen, die gut formulieren und auch argumentieren kann.  Der Zugang zu Josh gelingt durch das Zitieren von Chat-Protokollen aus den verschiedenen Gruppen, in denen er sich mit anderen Usern ausgetauscht hat. Es wird deutlich, dass beide nicht blind konsumiert haben, sie haben sich durchaus informiert und vor allem Josh hat sich ein fundiertes Wissen angeeignet. Gerade das ist ihnen auch zum Verhängnis geworden: Sie fühlten sich den Drogen überlegen und glaubten, sie hätten ihre Sucht im Griff.

Die Autorin vermeidet Bewertungen und Schuldzuweisungen. Sie informiert, nennt Fakten und zeigt vor allem die gefährlichen Möglichkeiten des Internets, wo jeder leichten Zugang zu Drogen hat.

Das Buch liefert eine Fülle von Informationen: Ich erfahre, welche Rauschmittel es gibt und dass viele davon legal sind und ohne Probleme übers Internet erworben werden können. Auch, dass viele Substanzen verunreinigt oder mit anderen Chemikalien gestreckt werden und man nie sicher sein kann, wirklich richtig dosiert zu haben.  Leyla berichtet über die Empfindungen, die sie während und nach der Einnahme der verschiedenen Stoffe hat. Auch über die Schäden – Lähmungserscheinungen, Krämpfe, Herzrasen und anderes. Sie erzählt zudem, welche Tricks sie angewendet hat, um ihre Sucht zu verbergen.

Im Anhang hat Isabell Beer schließlich die Saver-Use-Regeln und etliche weiterführende Infos aufgelistet. Vor allem aber ist dieses Buch ein Plädoyer für die Entkriminalisierung suchtkranker Menschen. Isabell Beer zeigt, welche Möglichkeiten es gäbe, Drogenkonsumenten zu helfen, zum Beispiel Angebote zum Drug-Checking. Sie zeigt die fatalen Folgen des Verbots – eine endlose Spirale aus Stigmatisierung und Beschaffungskriminalität. Würden Drogen legal ausgegeben, hätten Dealer keine Chance und es gäbe auch keine gefährlichen Streckmittel in den Substanzen. Sie verweist auf die Erfahrungen in Portugal, wo es seit der Entkriminalisierung der Konsumenten deutlich weniger Drogentote gibt als vorher.

Für mich war das Buch ein Augenöffner. Ich gebe zu, dass ich genaugenommen keine Ahnung hatte von den Dingen, die in der Drogenszene passieren. Ich empfehle es vor allem uns Eltern, Lehrern und Erziehern. Auch wenn wir nie verhindern können, dass junge Menschen Drogen ausprobieren, ist es doch wichtig, glaubwürdig zu argumentieren.

Isabell Beer: Bis einer stirbt: Drogenszene Internet.
Econ, September 2021.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.