Isabel Allende: Ein unvergänglicher Sommer

Isabel Allende, die 1942 geborene chilenische Schriftstellerin, lebt seit Mitte der 1970er Jahre im Exil und seit 1988 in Kalifornien (USA). Ihr Roman „Das Geisterhaus“ hat sie weltberühmt gemacht. Am 13. August 2018 erscheint im Suhrkamp Verlag ihr neuestes Werk „Ein unvergänglicher Sommer“.

„Ein unvergänglicher Sommer“ beginnt kurz vor Weihnachten des Jahres 2015 in Brooklyn (NYC). Dort wohnt die 62jährige Chilenin Lucía Maraz mit ihrem Chihuahua Marcelo als Untermieterin von Professor Richard Bowmaster im Souterrain eines etwas heruntergekommenen Hauses in Prospect Heights. Sie arbeitet als Gastdozentin an der New Yorker Universität, Richard ist ihr Vorgesetzter.

Richard Bowmaster ist ein einsamer, eigenwilliger Mann, der viele Jahre in Brasilien gelebt hat und den Job an der Uni seinem alten Freund Horacio verdankt. Richard hat Lucía zwar nach New York eingeladen, behandelt sie nun aber recht distanziert. Er hat vier Katzen. Während eines Schneesturms trinkt einer seiner Kater versehentlich Frostschutzmittel. Richard bringt ihn zum Tierarzt und auf der Rückfahrt auf den vereisten, glatten Straßen fährt er einem weißen Lexus ins Heck. Die Fahrerin ergreift die Flucht. Stunden später steht sie verwirrt und sprachlos vor seiner Wohnungstür. Im Kofferraum des Lexus liegt eine weibliche Leiche. Richard bittet Lucía um Hilfe. Die Fahrerin des Lexus entpuppt sich als illegal eingewandertes, guatemaltekisches Kindermädchen der Familie Leroy namens Evelyn Ortega. Sie hat das Auto ohne Erlaubnis der Familie gefahren. Gemeinsam  entwickeln Richard, Lucía und Evelyn einen Plan, die Tote samt weißen Lexus zu entsorgen. Dafür machen sie sich auf eine riskante Fahrt zu einer Waldhütte im Norden des Landes, in die Richard früher mit Horacio zum Eisfischen fuhr.

Das hört sich nach einer einfachen Geschichte mit einem kitschigen Titel an, wäre sie nicht von Isabel Allende erzählt und der Titel nicht einem Zitat von Albert Camus aus dem Jahre 1952 entliehen. Allende schreibt eine Liebesgeschichte, bettet sie in ein Kapitalverbrechen ein und verwebt sie mit den Schicksalen süd- bzw. zentralamerikanischer Einwanderer in den USA:

Lucía Maraz verlässt Chile, um nach Krankheit, Scheidung und Tod der Mutter einen Neuanfang zu wagen. Evelyn Ortega flieht aus Guatemala, um ihr Leben zu retten. Und Richard Bowmaster wird von den Dämonen seiner Vergangenheit in Brasilien bis nach New York City verfolgt. Die drei bilden eine unfreiwillige Gemeinschaft. Aber zusammen gelingt es ihnen, ein Verbrechen aufzudecken und ihren Leben glückliche Wendungen zu geben.

Die stärksten Passagen des Buches sind die, in denen Allende über die Vergangenheit ihrer Protagonisten in Süd- bzw. Zentralamerika schreibt. Da leuchtet ihr Erzähltemperament auf, da blitzt die Aktualität der Flüchtlingsdebatte durch und da spüre ich als Lesende die große Erzählkraft, für die Allende berühmt geworden ist:

„Geblendet vom Sonnenlicht draußen, brauchte Concepción einen Moment, bis ihre Augen sich auf das Dämmerlicht in der Hütte eingestellt hatten und sie Andrés, zusammengekauert wie einen schlafenden Hund, bei der Tür liegen sah. »Aber, was ist denn mit dir, mein Junge«, schaffte sie noch zu sagen, und dann sah sie die Spur, die den Lehmboden dunkel färbte, und den Schnitt an seiner Kehle. Ein heiserer Schrei stieg in ihr auf, zerriss sie von innen. Sie ging in die Knie, rief nach ihm: »Andrés, Andresito«, und gleich darauf durchzuckte sie der Gedanke an Evelyn.“ (Seite 102)

Die winterkalten Vereinigten Staaten von Amerika dagegen sind in ihrer Geschichte nicht nur klimatisch eiskalt, sondern auch menschlich. Und so schafft es Isabel Allende wieder einmal, in eine vermeintlich „einfache Geschichte“ die Misere eines ganzen Kontinents (wenn nicht gar der ganzen Welt) zu packen.

Isabel Allende: Ein unvergänglicher Sommer.
Suhrkamp Verlag, August 2018.
350 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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