Ingrid Noll: Halali

Halali ist ein Gruß und Tonsignal aus der Jägersprache.  Auf die Pirsch gehen die beiden Sekretärinnen Karin und Holda allerdings nur, um aussichtsreiche Junggesellen zu erlegen. Im Jahre 1955 wird in der BRD weibliche Selbstverwirklichung noch nicht großgeschrieben, der Weg der Frau endet in der Ehe. Wie gut, dass es in der Hauptstadt Bonn und an ihrem Arbeitsplatz im Innenministerium von hohen Tieren wimmelt. Ein Diplomat könnte ihnen die weite Welt zu Füßen legen. Denn während die Jugend in der BRD noch den Klängen von Catarina Valente lauscht, heißt es anderswo längst: Rock around the clock!

So blasen die schüchterne Holda und die fesche, sexuell wesentlich aufgeschlossenere Karin zur Jagd auf das andere Geschlecht. Doch Bonn ist längst nicht so bieder wie gedacht. Sie geraten in ein Abenteuer voller Spionage, Erpressung und Romeo-Agenten. Kollateralschäden nicht ausgeschlossen.

Die zwanzigjährige Bäckerstochter Holda zieht aus der piefigen Pfalz in die damalige Hauptstadt Bonn. Da sie „sowieso mal heiraten wird“, halten ihre Eltern ein Studium für unnötig, da tut es auch die Handelsschule. Mit ihrer Freundin Karin arbeitet sie als Sekretärin im Innenministerium. Karin stammt aus adeligem Hause und wohnt in der Villa ihrer Tante. Die exzentrische Hausbesitzerin vermietet weitere Zimmer an Ministerialbeamte. Nachdem ein Zimmer frei wird, zieht ausgerechnet der mausgraue Herr Jäger aus ihrer Abteilung ein. Dieser scheint jedoch ein mysteriöses Doppelleben zu führen. Er hinterlässt Botschaften in Nistkästen, hortet Unmengen von Geld und trifft sich mit Unbekannten, die später tot im Rhein treiben. Ist Herr Jäger ein Spion? Gemeinsam mit dem in Karin verliebten Bewohner „Grizzly“, der zudem Hausmeister beim Auswärtigen Amt und behände beim Aufbrechen von Wohnungstüren ist, recherchiert das Trio auf eigene Faust. Mit ungeahnten Folgen…

Wie bei Noll üblich, muss dann und wann ein Protagonist nicht nur die Maske fallen, sondern sein Leben lassen. Mitnichten durch die Hände des Geheimdienstes, sondern vielmehr durch die Hände der emsigen Stenotypistinnen. Es ist praktisch Nolls Markenzeichen, dass in jedem Lieschen Müller eine clevere Killerin stecken kann – wenn es darauf ankommt! Sind doch selber schuld, die Kerle! Niemand spioniert und mordet mit so viel Laisser-faire und Chuzpe wie Ingrid Nolls Heldinnen. Die Autorin präsentiert dies derart nonchalant, dass auch wir Leser nichts Verwerfliches daran finden. Das Makabre und Komische hält sich gekonnt die Waage.

Über weite Strecken des Buches stehen weder Kalter Krieg noch Spionageaffären im Vordergrund. Stattdessen ist Noll ein nostalgisches Porträt der 50er Jahre gelungen. Wie die Zeit vergeht, verdeutlicht sie mit köstlichen Dialogen zwischen der 82jährigen Holda und ihrer Enkeltochter Laura. Die putzmuntere Holda erzählt der Mittzwanzigerin diese Episode ihres Lebens, inklusive Lebensweisheiten à la „Der Schnee von gestern ist der Matsch von morgen“. Während Laura Sushi serviert, erinnert sich Holda daran, wie sie 1955 ihre erste Pizza aß und sich in London eine revolutionäre Kurzhaarfrisur schneiden ließ.

Starke Frauen, ein Stück Zeitgeschichte, treffsichere Pointen und bissige Hintergrundnuancen, die den ganzen Plot durchziehen: Halali hat sich einen Platz als literarische Trophäe im Buchregal verdient.

Ingrid Noll: Halali.
Diogenes, Juli 2017.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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