Ildikó von Kürthy: Morgen kann kommen

Es ist ein buntes Völkchen, das sich da in der Villa Ohnsorg einfindet, in der Ohnsorgstraße in Hamburg. Das prächtige Haus gehört Gloria Wilhelmi, Besitzerin eines Buchladens. Bei ihr wohnt Rudi „der gute Sozi“, überzeugt von der SPD und von sanftem Gemüt. In der umgebauten Remis hinter dem Haus lebt Johann, der auch irgendwie mit zum Haushalt gehört. Diese friedliche Gemeinschaft bringt Glorias Schwester Ruth ordentlich durcheinander.

Ruth, 51, kinderlos, verheiratet mit dem Star einer Krimiserie. Sie entdeckt im Drogeriemarkt ein vergessenes Foto, das ihren Gatten in eindeutiger Pose zeigt und ist geschockt. Obendrein hat der ihr erklärt, er brauche eine Ehe-Auszeit, weil Ruth so langweilig und nicht inspirierend sei. Trennen wolle er sich allerdings nicht. Fertig mit den Nerven düst Ruth zu ihrer Schwester Gloria nach Hamburg, um sie nach 15 Jahren Funkstille zu den Vorgängen während ihrer Hochzeit zu befragen. Der Abend damals endete nämlich im Desaster. Gloria konnte Ruths Gatten noch nie leiden und der hat hinter den Kulissen alles darangesetzt, um die beiden Schwestern zu entzweien. Das ist ihm mit vielen fiesen Tricks hervorragend gelungen. Erdal Küppers, ein Freund von Gloria, flieht aus einer Fastenklinik in die Villa Ohnsorg und schließlich landet auch dessen Cousine Fatma dort, die mehr mit Ruth gemeinsam hat, als beide ahnen. Innerhalb von vier Tagen stellt sich das Leben aller Beteiligten auf den Kopf und ordnet sich zu einem neuen Muster. Gemeinsam treten die Freunde dem Neuen, das auf sie zukommt, im Guten wie im Schlimmen entgegen.

So vieles, was Frau Kürthy in ihrem Buch anspricht, kennt man aus eigener Erfahrung. Sich wie Ruth zu ducken und klein zu machen, um den Gatten strahlen zu lassen, sich hintan zu stellen, um den Familienfrieden zu wahren, nichts zu essen, um schlank zu bleiben, so manches davon ist Frauen im deutschsprachigen Raum  – und darüber hinaus – mit höchster Wahrscheinlichkeit bekannt. Trotzdem wird der Ton nie larmoyant und teigig, sondern bleibt immer pfiffig, herzlich und beschwingt. Begleitet wird der Text von hübschen Illustrationen des Künstlers Peter Pichler.

Fazit: Intelligent und einfühlsam kreiert Ildikó von Kürthy eine großartige Geschichte voll Witz und Esprit. Da kann man nur empfehlen: lesen!

Ildikó von Kürthy: Morgen kann kommen.
Wunderlich, April 2022.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Karina Luger.

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Ein Kommentar zu “Ildikó von Kürthy: Morgen kann kommen

  1. Das Buch habe ich auch gelesen und bin begeistert. 🙂

    Ich konnte mich ab Seite eins direkt in die Geschichte fallen lassen und darin versinken. Die Autorin beschreibt sehr anschaulich eine Mixtur vielfältiger Themenspektren: Beziehungen, Vergangenheitsbewältigung, Selbst(wieder)findung, Solidarität unter Frauen, philosophische Gedankengänge, Lügengeflechte, Manipulation.
    Der Schreibstil ist locker leicht, süchtig machend, die Charaktere und die Story sind charmant und tiefgründig zugleich; auch wenn einiges für meinen Geschmack etwas überspitzt dargestellt wird und die Storyline recht konstruiert wirkt. Es steckt dennoch so viel Wahrheit in den Zeilen und das regt zum Nachdenken an.

    „Morgen kann kommen“ ist auch für mich ein hinreißend warmherziger und emotionaler Roman, der das Leben der Protagonisten so richtig durcheinanderwirbelt. Absolut empfehlenswert.

    Literarische Grüße sendet Olivia

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