Howard Jacobson: Rendezvous und andere Alterserscheinungen

Zum Niederknien komisch: Howard Jacobson schafft es, eine politisch völlig unkorrekte Person so darzustellen, dass wir ihr beim Lesen mit Haut und Haar verfallen. Die 99-jährige Beryl ist latent rassistisch, überheblich, besserwisserisch, resolut, sarkastisch. Ihre ausländischen Pflegerinnen werden von ihr permanent „optimiert“, Männern hat sie nach etlichen Beziehungen abgeschworen, die eigenen Söhne – ganz zu schweigen von den lästigen Enkeln und Urenkeln – sieht sie am liebsten von hinten, beim Verlassen des Hauses. Ihr Hobby: Textilien mit ausgefallenen Sprüchen über den Tod zu besticken. Beispiel: „Das Leben ist ein Märchen, erzählt von einem Idioten.“

Keine Frage: Beryl ist „Bad Ass“! Aber sie zieht ihr Ding durch. Die ehemalige Lehrerin ernennt sich kurzerhand selbst zur Prinzessin. Sie lässt sich weder von beginnender Demenz, noch von anderen Altersgebrechen ins Bockshorn jagen. Sie sagt, was sie denkt. Gibt zu allem ungefragt ihren Senf dazu. Scheut sich nicht, verwegenen Gedankengängen nachzuspüren. Daraus ergeben sich skurrile Situationen mit tiefschwarzem Humor.

Shimi könnte nicht unterschiedlicher sein. Er ist schamhaft, introvertiert und verbrachte sein halbes Leben im Keller mit der Herstellung phrenologischer Büsten. Ausgerechnet er entwickelt sich im Alter zum Romeo wider Willen. Der Grund liegt vor allem darin, dass er der einzige 91-jährige Mann in Nordlondon ist, der die Knöpfe seines Hemdes noch ohne fremde Hilfe schließen kann. Dabei hat er durchaus interessante Ecken und Kanten, mit denen viele Witwen allerdings nichts anzufangen wissen. So leidet Shimi zum Beispiel am hyperthymestischen Syndrom und ist somit unfähig, etwas zu vergessen. Laut eigenen Angaben vermag er sich sogar an seine eigene Geburt zu erinnern. Als sich Beryl und Shimi das erste Mal auf einer Beerdigung begegnen, merken beide: Da liegt was in der Luft! Eine Seelenverwandtschaft? Ein gespiegeltes Gegenüber? Gar eine Liebesgeschichte?  Beryls Söhne und Pflegerinnen stellen wilde Mutmaßungen an…

In Jacobsons Prosa geben sich wahnwitzige Metaphern die Klinke in die Hand. Seine Dialoge gleichen Ping-Pong-Spielen mit in Sirup getränkten Messerspitzen. Es gibt ganze Passagen, in denen er uns LeserInnen kaum eine Sekunde zum Luftholen gönnt. Seite für Seite ein Riesenspaß!

Beryls größte Sorge ist, dass ihr die Wörter entfallen, denn sie hat noch viel zu sagen. Also hält sie ihre Lebensgeschichte schriftlich fest. In ihrem selbst titulierten „Journal d’amour“ geht es hauptsächlich um die Männer in ihrem Leben. Welche keine gute Figur abgeben. Einer gleitet mühelos aus ihrem Leben „als hätte man mich mit dem Kopf nach unten hängend festgehalten und er sei aus den Taschen meiner Hose gefallen, die ich für uns beide anhatte.“ Bei dem anderen bemerkt sie erst nach Tagen sein eigentliches Ableben, da sie ohnehin an die Halbgesellschaft von Männern gewöhnt sei, die ihr intellektuell nicht folgen können.

Der 1942 in Manchester geborene Autor Howard Jacobsen gehört zu den Menschen, neben denen man gerne auf einer Party sitzen möchte. Staunend ob seines Ideenreichtums fragt man sich unweigerlich: „Wie kommt der Mann auf so etwas?“ Auch spricht eigene Altersweisheit aus seinen Zeilen. Vieles, was die Protagonisten sagen, mag zunächst gegen Konventionen verstoßen, doch es liegt Wahrheit darin. Jacobson weiß um die Fehlerhaftigkeit der menschlichen Psyche, vergibt ihr, lässt ihr freien Lauf, damit sie Frieden mit sich selbst schließt. So kommt der romantische Aspekt des Buches spät, für uns Leser genauso wuchtig und überraschend wie für die betagten Akteure.

Fazit: Ein Buch mit Lachkrampfgarantie für alle, die den Abgründen des englischen Humors nicht abgeneigt sind. Dieser intelligente Alters-Anarcho-Spaß punktet mit Herz, Hirn und jeder Menge bösartig-brillanter Dialoge.

Howard Jacobson: Rendezvous und andere Alterserscheinungen.
Klett-Cotta, März 2021.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.