Herman Koch: Einfach leben

Tom ist erfolgreicher Schriftsteller. Sein Sachbuch „Einfach leben“ ist zum internationalen Bestseller avanciert. In diesem Ratgeber finden sich mehr oder weniger banale Weisheiten, die sich auf alle und alles übertragen lassen à la „Versuche, Probleme nicht immer zu lösen, indem du an sie denkst; oft lösen sie sich von allein“ oder „Versuche nicht, jemanden zu ändern, auch dich selbst nicht“…

So schlicht wie die Ratschläge in seinem Buch sind, ist auch Toms eigene Lebenseinstellung. – Nur ist er sich dessen keineswegs bewusst. Er, dem Glück und Reichtum durch den Bucherfolg so einfach in den Schoß gelegt wurden, ist unfähig, eigene Probleme in der Familie richtig zu deuten und entsprechend zu agieren.

Als die ungeliebte Schwiegertochter mit einem von Schlägen gekennzeichneten Gesicht vor der Tür steht, versucht Tom das Problem allein und auf seine Weise zu lösen. Bis zum bitteren Ende merkt er dabei nicht, auf welche Abwege er sich dabei begibt. Letztlich ist er dann derjenige, der eigentlich Hilfe benötigt um endlich zu einer klaren Sicht zu kommen, doch wie immer steht der Rat gebende Autor auch dann noch über der Sache…

Herman Koch lässt seinen Protagonisten urkomisch und absurd auf Probleme reagieren: – Ein Ratgeberschreiber deutet brisante Situationen in der eigenen Familie falsch und stellt sich dadurch vor den LeserInnen nicht nur bloß sondern beweist vielmehr seine eigene Unfähigkeit, prekäre Konflikte, die er in seinem Buch so souverän klärt, lösen zu können.

Einerseits wagt Herman Koch mit „Einfach leben“ einen schwarzhumorigen Seitenhieb auf die vielen lapidaren Ratgeberbücher, die den Markt überschwemmen, andererseits zeigt er mit seinem Blick von außen eine Gesellschaft auf, in der Eltern in ihren Kindern zwanghaft nur das Gute sehen wollen, unkritisch Unannehmlichkeiten negieren und darüber den realistischen Blick auf wesentliche (unschöne) Tatsachen verlieren.

Herman Koch: Einfach leben.
KiWi, Juni 2019.
112 Seiten, Taschenbuch, 8,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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