Henning Sußebach: Deutschland ab vom Wege. Eine Reise durch das Hinterland

Henning Sußebach (Jahrgang 1972) arbeitet als Redakteur und Reporter im Bereich Dossier für die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ und lebt in Hamburg. Er schreibt zeitgenössische Reportagen zu Themen der deutschen Gesellschaft und Politik, wie beispielsweise Wohnungslosigkeit oder Leben im Alter. Zuletzt erschien 2016 sein Buch „Unter einem Dach“ bei Rowohlt, in dem er über sein Zusammenleben mit einem syrischen Flüchtling berichtet. Sein neuestes Projekt „Deutschland ab vom Wege – Eine Reise durch das Hinterland“ hat Sußebach ebenfalls zu einem Buch verarbeitet, das am 22. April 2017 bei Rowohlt erschienen ist.

Bei einem Waldspaziergang an einem Neujahrsmorgen reift bei Henning Sußebach die Idee, Deutschland von Norden nach Süden abseits von Asphalt und Beton zu durchwandern. Rund 1000 Kilometer von der Ostsee bis zur Zugspitze will er Straßen und Städte weitestgehend meiden und sich über Äcker, Wiesen, Felder und Wälder zu Fuß von Mecklenburg nach Bayern durch Deutschland bewegen.

Angetrieben von der selbstgestellten Frage: „Hat es etwas zu bedeuten, wenn sich auch ein Reporter fast nur auf jenen 6,2 Prozent des Landes bewegt, die besonders leicht zugänglich sind?“

Diese Fläche ist in Deutschland komplett versiegelt und damit so groß wie Rheinland-Pfalz. Also läuft Henning Sußebach nach einer sechsmonatigen Vorbereitungszeit im August am Darßer Leuchtturm los, „das Abseitige zu erkunden“.

Unterwegs begegnet er Natur, Menschen, aber auch immer wieder der Schwierigkeit, so wenig wie möglich Asphalt zu betreten. Der östliche Norden Deutschlands erscheint ihm kirchturmlos und platt. Die Mitte hügelig und katholisch. Der Süden reich und laut. Am fünfzigsten Tag seines Experiments und nach 1200 Kilometern zu Fuß steht Hennings Sußebach in den Wolken auf der Zugspitze.

Was hat sich Henning Sußebach doch mit „Deutschland ab vom Wege – Eine Reise durch das Hinterland“ für ein spannendes Selbstexperiment ausgedacht? Und was ist dabei als Buch herausgekommen?

Für mich als Lesende sind es schön geschriebene alltagsphilosophische Betrachtungen eines Intellektuellen ergänzt mit etwas psychologischer Selbsterfahrung und statistischem Zahlenmaterial.

Aber was soll ich halten von Aussagen wie „Hier leben Kinder und Eltern nicht 500 Kilometer getrennt, sondern beieinander, einige so lange und so eng sie konnten.“ Oder „Ich erschrak darüber, wie gern man glaubt, man sei in erster Linie das Produkt seiner selbst und nicht seines Umfeldes.“ ? Ich bin überrascht und enttäuscht über so viel Lebensferne und „Betoniertheit des Denkens“.

Henning Sußebach trifft erstaunlich wenige Menschen während seines Marsches durch Deutschland und die für das Buch ausgewählten Begegnungen mit u.a.  AfD-Günther, Chef und Champ vom Golfplatz oder Demenz-Hilde sind eher fad und vorhersehbar.

Während Sußebach den Norden noch sehr ausführlich und kleinteilig beschreibt, wird sein Bericht zur Mitte und ganz deutlich im Süden immer kurzatmiger und dünner. Mir fehlt als Lesende, aber auch für Henning Sußebach selbst, ein Erkenntniswert aus dieser „Reise durch das Hinterland“. Was hat er denn nun draußen verloren, was er auf der Rückfahrt im Wagen 8 des ICE 880 aus dem Fenster blickend sucht?

Henning Sußebach: Deutschland ab vom Wege. Eine Reise durch das Hinterland.
Rowohlt, April 2017.
192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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