Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel

gummiIm August veröffentlichte der Zsolnay Verlag nach „Die italienischen Schuhe“ von 2007 nun „Die schwedischen Gummistiefel“ als zweiten Teil der Geschichte um den Chirurgen Fredrik Welin. Dies ist Henning Mankells letzter Roman, der schwedische Autor der Wallander-Krimis starb 2015.

Der inzwischen siebzigjährige Fredrik Welin, der während seiner Arbeit als Chirurg einer jungen Frau versehentlich den falschen Arm amputierte und sich daraufhin auf eine Insel in den schwedischen Schären zurück zog, rettet sich in letzter Minute aus seinem brennenden Haus, das einst seine Großeltern auf der Insel bauten. Auch die maßgefertigten „ italienischen Schuhe“ des Schuhmachers Giaconelli werden Opfer der Flammen. Übrig bleiben ihm der schwarzverkohlte Schuhspanner der feinen Lederschuhe und zwei linke Gummistiefel, in die er bei der Flucht mitten in der Nacht aus dem Schlaf heraus hastig geschlüpft war. So zieht er in den Wohnwagen seiner Tochter Louise, richtet sich notdürftig ein und bestellt in der örtlichen Schiffshandlung ein Paar schwedischer Gummistiefel. Die polizeilichen Ermittlungen wegen Brandstiftung beginnen und bald gerät Fredrik Welin selbst unter Verdacht. Er verliebt sich in die vierzigjährige Lisa Modin, Redakteurin eines Lokalblattes, die über den Brand auf den Schären berichten will. Und endlich informiert er auch seine Tochter Louise, die umgehend anreist. Das Verhältnis der beiden ist schwierig, hatte Welin von der Existenz seiner Tochter erst im Erwachsenenalter durch seine Jugendliebe und Louises Mutter Harriet erfahren. Kurz nachdem Louise ihrem Vater mitgeteilt hat, dass sie schwanger ist, reist sie unangekündigt ab.

Welin bleibt ein Fremder zwischen den Schären-Bewohnern. Der pensionierte Postbote Jansson unterstützt ihn in seiner Notlage, aber Welin hält ihn auf Distanz. Er weiß um Janssons Neugier und seinen Tratsch. Da sind außerdem die Automechanikerin Rut Oslovski, bei der er sein Auto auf dem Festland parkt, Nordin mit seiner Pfeife, der den Schiffsbedarfsladen betreibt (beide versterben im Lauf der Geschichte) und Veronika, die Café-Besitzerin, bei der er Mazarin-Törtchen isst. Aber im Grunde sind dies lose Kontakte ohne Tiefgang, die häufig dadurch geprägt sind, dass die Menschen einen medizinischen Rat von Welin erhoffen.

Dann gerät Fredriks Tochter Louise in Schwierigkeiten. Sie wird in Paris wegen Taschendiebstahls verhaftet. Er fliegt nach Frankreich, um Louise aus dem Gefängnis zu holen. Dabei lernt er ihr Leben und ihren algerischen Freund Ahmed nur ein wenig näher kennen und ist erschüttert darüber, dass seine Tochter ihren Lebensunterhalt offenbar durch Kleinkriminalität verdient. Lisa Modin reist Fredrik nach. Während dieses Auslandsaufenthaltes brennen weitere Häuser auf den Schären ab. Später bekommt Welin einen Verdacht, wer der Brandstifter sein könnte. Und gegen Ende der Geschichte beginnt er Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Der Roman „Die schwedischen Gummistiefel“ ist düster und kühl wie das Wetter auf den Schären-Inseln. Die Hauptfigur Fredrik Welin erscheint, wie schon in „Die italienischen Schuhe“, wenig sympathisch und beinahe beziehungsunfähig. Alter, Krankheit, Einsamkeit und Tod sind die beherrschenden, deprimierenden Themen der Geschichte. Als Lesende komme ich kaum umhin, Parallelen zu Mankells nahendem eigenem Tod zu sehen. Die kurzen Sätze lassen keinen echten Lesefluss zu, der Ich-Erzähler sonnt sich allzu häufig im Selbstmitleid und seine menschlichen Beziehungen bleiben unbefriedigend und undurchsichtig.

Die Nebenfiguren wirken in ihrem Verhalten und Handeln seltsam blass und distanziert, über ihre Motive und Antriebsfedern verliert Mankell keine Worte. Die sprachlichen Wiederholungen und Mankells Beschreibungen von der Gleichförmigkeit des Inselalltags geben der Geschichte etwas Zähes, Langweilendes.

Auf den letzten Seiten gelingt Henning Mankell, dessen Krimis um den ernsten Kommissar Kurt Wallander ich sehr schätze, jedoch noch eine versöhnliche Tonart, die der ansonsten tieftraurigen Geschichte einen Lichtblick gibt.

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel.
Paul Zsolnay Verlag, August 2016.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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