Hella Haasse: Der schwarze See (1948)

seeAuf Java in den zwanziger, dreißiger Jahren sind die Grenzen zwischen den holländischen Kolonialherren und den verarmten Einheimischen genau definiert. Als die Frau des Verwalters einer Teeplantage und die Frau des Aufsehers im gleichen Jahr einen Sohn gebären, werden diese Grenzen durchlässig. Denn die beiden Jungen wachsen zusammen auf, spielen, essen das Gleiche und werden beste, unzertrennliche Freunde. Eines Tages sollen die Freunde unterschiedliche Schulen besuchen. Mit dem erzwungenen Aufbrechen der Gemeinsamkeiten werden die vorgegebenen Grenzen wieder hergestellt. Doch dabei bleibt es nicht.

Mit ihrem zeitlosen Debütroman schrieb Hella S. Haasse (geboren 1918 in Jakarta – gestorben 2011 in Amsterdam) viel mehr als nur ein Stück Kolonialgeschichte über Gewinner und Verlierer. Es ist auch eine Geschichte über das Erwachsenwerden vor dem Hintergrund politischer Umbrüche und dem Verlust der eigenen Identität.

Rückblickend schaut der Erzähler auf seine scheinbar glückliche Kindheit, die sich um seinen Freund Urug rankt, der zugleich ein Seelenverwandter ist. Die innige Freundschaft funktioniert so lange, bis der Vater den Sohn in einer holländischen Schule erziehen lässt. Viel zu viel spricht der jugendliche Erzähler Sundanesisch und hält sich bei den Einheimischen auf. Die holländische Sprache und damit europäische Werte sollen im Zentrum stehen. So wie der Erzähler lernen muss, was diese andere, für ihn fremde Heimat bedeutet, wird auch der Freund entwurzelt. Urug darf zur Schule gehen und Holländisch lernen, während das Elend seiner Familie nach dem Tod des Vaters unermesslich wird. Die jungen Freunde werden älter, verändern sich, und allmählich begreift der Erzähler, dass der junge Urug mit dem Heranwachsenden kaum Gemeinsamkeiten hat. Die Schulzeit rettet weder ihre Freundschaft noch kann sie den Entwurzelungsprozess aufhalten.

Die Autorin zeigt mit ihrer wunderbar bildhaften Sprache, wie die Herren auf Java auftreten. Dabei dürfte eigenes Erleben verarbeitet worden sein. Die weißen Herren und Damen trinken, haben Spaß und richten gedankenlos Schaden an, während einheimische Aufseher und Dienstboten Verantwortung tragen.

Der feinfühlige Roman beginnt mit den Worten »Urug war mein Freund.« Ein Satz, in dem unterschwellig alles gesagt wird: das kostbare Gut der freundschaftlichen Vertrautheit und das Ende dieses Glücks. Die privaten Erfahrungen des Erzählers verpackt die Autorin erfrischend dezent in eine Allgemeingültigkeit fester Regeln, um das Gefälle zwischen Macht und Ohnmacht offenzulegen. Ob im Kapitalismus oder Kolonialismus es gibt nur wenige Gewinner und viele Verlierer.

Gleiche Chancen, wie sie der Erzähler für Urug verlangt, verweigert der Vater als Vertreter eines Unternehmens. Die Grenzen bleiben. Auch wenn es in der Kindheit anders aus sah. Die kindliche Vorstellung des Erzählers, alle Menschen seien gleich viel wert, fordert nicht nur die Eltern heraus. Auch der Leser wird an dieses Gleichheitsprinzip erinnert, das eine Haltung einfordert.

Gibt es im Kopf ein Ich und Du oder ein Wir?

Hella Haasse: Der schwarze See (1948).
Lilienfeld-Verlag, September 2016.
144 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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