Helene Hegemann: Bungalow

In ihrem Roman „Bungalow“ erzählt Helene Hegemann die Geschichte eines Mädchens, das in einer immer apokalyptischer werdenden Welt versucht, aus ihrer aussichtslosen Situation auszubrechen. Der Roman ist auf vielerlei Weise brillant und gehört zu den Büchern, die wirklich Charakter haben.

Charlie wächst mit einer psychisch kranken Mutter auf, die das letzte Einkaufsgeld für Alkohol ausgibt und ihr überhaupt keine unbeschwerte Kindheit ermöglicht. Die beiden wohnen in einer Betonmietskaserne, von dessen Balkon aus sie die perfekte Sicht auf die benachbarten Bungalows haben. Als Charlie die Bewohner der Bungalows beobachtet, fällt ihr auf, dass sie kein gutes Los im Leben gezogen hat. Als kurz nach ihrem zwölften Geburtstag dann ein neues und äußerst interessantes Ehepaar in einen der Bungalows zieht, fühlt sie sich auf seltsame Weise zu den beiden hingezogen und versucht fortan mit allen Mitteln, irgendwie zu ihnen dazuzugehören. Wie wird ihr das gelingen?

Der Roman ist in seiner Gestaltung außergewöhnlich. Anfangs begreift man nicht so richtig, was geschieht und wie alles zusammenpasst, da man quasi in den Plot hineingeworfen wird. Wenn die Geschichte dann aber Fahrt aufnimmt, nimmt einen das Geschehen auf intensive Weise ein. Das liegt zum Einen daran, dass der Roman in mehrere Zeitabschnitte gegliedert ist. Alles wird von der erwachsenen Charlie niedergeschrieben, die sich an ihre Vergangenheit zurückerinnert. In der Handlung selbst ist Charlie zuerst jugendlich, doch dann wird die Zeit zurückgedreht und man begleitet sie beim Heranwachsen. Eigentlich ist das ein simples Konzept, aber die Umsetzung Hegemanns ist besonders. Charlie erscheint in ihren jungen Jahren teilweise sehr reif und weise, wodurch man sich bildlich vorstellen kann, wie die erwachsene Charlie sich an ihre Kindheit zurückerinnert und dabei immer wieder Details und Zusammenhänge entdeckt, die sie damals noch nicht einordnen konnte.

Was den Roman allerdings unverwechselbar macht, ist sein Schreibstil. Hegemann versteht wirklich etwas davon, Sprache zu ihrem Mittel zu machen. Sie bedient sich einer fast schon poetisch metaphorischen Sprache, die sie auf eine moderne und alternative Weise einsetzt. Man hat das Gefühl, dass jeder einzelne Satz dieses Buches bewusst gewählt wurde und dass so viel mehr dahintersteckt, als man im ersten Augenblick denkt. Die Protagonistin beschreibt und interpretiert so ziemlich alles, was in ihr Blickfeld gerät. Dabei findet Hegemann nicht nur das perfekte Mittelmaß zwischen zu kurz und zu ausschweifend, sondern baut auch gesellschaftskritische und höchst humoristische Elemente mit in die Beschreibungen ein. Deshalb macht es auch Freude, Passagen zu lesen, in denen sich nicht viel ereignet, weil in ihnen so viel Geniales zu finden ist.

Dadurch gelingt es Hegemann auch, allen Figuren im Buch Substanz zu verleihen. Sogar die Nebenfiguren kann man sich bildlich vorstellen. Charlie und ihre Mutter lernt man fast schon zu gut kennen, da ihr Leben und ihre Beziehung zueinander alles andere als einfach ist. Man kann sagen, dass das Werk insgesamt nicht leicht verdaulich ist. Es führt einem die Realität vieler Menschen ohne Filter vor Augen und zeigt, wie schwer das gesellschaftliche Teilhabe für Menschen mit geringen Einkommen sein kann. Darüberhinaus ist es zugleich spannend und niederschmetternd, einer kranken Mutter dabei zuzusehen, wie sie immer verrückter wird und es zunehmend an ihrer Tochter auslässt. Doch auch wenn einige Passagen echt verstörend und brutal sind, steckt in ihnen etwas absolut Einzigartiges.

„Bungalow“ ist ein Roman, den man so schnell nicht vergisst. Am Ende bleiben zwar einige Fragen offen, jedoch bekommt man in diesem Fall umso mehr das Gefühl, dass einem das Buch etwas zu vermitteln versucht. Empfehlenswert ist das Buch vor allem für diejenigen, die sich für sensibel und gekonnt eingesetzte Sprache begeistern. Doch auch, wer einfach mal ein etwas anderes, besonderes Buch sucht, wird nicht enttäuscht sein. Alles an diesem Roman ist zugleich grandios, erschütternd und irgendwie verwirrend.

Helene Hegemann: Bungalow.
btb, Februar 2022.
288 Seiten, Taschenbuch, 11,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Melina Lange.

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