Helen Macdonald: Abendflüge

Helen Macdonald lässt uns mit ihren Geschichten die Natur neu entdecken. Sie zeigt mit ihren Beobachtungen auf, wie wir unsere Sinne einsetzen können, um zu erfassen, was um uns herum, über uns oder im Wasser vor sich geht. Mit den Beschreibungen ihrer eigenen Wahrnehmungen schult sie unsere Augen und unsere Ohren. So sensibilisiert, können wir Vorgänge erkennen, die, weil viel zu oft nie bewusst registriert, plötzlich als faszinierendes Neuland erscheinen. Und letztlich erdet Macdonald uns gewissermaßen, indem sie wieder und wieder vermittelt, dass die Sichtweise von uns Menschen auf die Komplexität der Welt sehr eingeschränkt ist. Sie appelliert an uns, Verantwortung für das, was vorhanden ist zu übernehmen, um die Dinge bewahren zu können.

Die verschiedensten Themenbereiche, die Helen Macdonald in ihren Kapiteln behandelt, sind nicht zusammenhängend und lassen sich allesamt einzeln lesen. Dabei geht es unter anderem um winterliche Wälder, Hasen, Wild im Scheinwerferlicht, um Nistkästen, Wolkenkratzer, Wicken, Gewitter, Eschen, Beeren, Verstecke, Ziegen uvm. So schreibt Helen Macdonald beispielsweise vom Hochzeitsflug einer Ameisenart, die in der Thermik warmer Luft aufsteigen und weiter, wie diese Ameisen dabei dem Ansturm der Schnäbel ihrer Fressfeinde – also Möwen, Schwalben oder dem Rotmilan ausgesetzt sind. Durch die detailgetreue Wiedergabe des eindrucksvollen Spektakels der Tiere am Himmel läuft das Geschehen wie ein Film vor den Augen ab.

Mit vielen solcher Beispiele lebt und bewegt dieses Buch. Die Prozesse folgen ihren ureigenen Gesetzen – mal atemlos schnell, dann wieder bedächtig und eindringlich.

Helen Macdonald richtet ihre – und damit unsere Blicke auf die großen und kleinen Phänomene der Natur, die wir als allzu selbstverständlich betrachten. Gleichzeitig stimmt sie uns in ihren sehr unterschiedlichen Essays darauf ein, der Natur die Wertschätzung entgegenzubringen, die ihr gebührt und darauf, der Ausbeutung die wir betreiben, ein Ende zu setzen.

Helen Macdonald ist Wissenschaftshistorikerin, Autorin, Dichterin und Illustratorin. Sie schreibt für das New York Times Magazine und lebt in Suffolk. Ihr vorangegangenes Buch H wie Habicht wurde ein international gefeierter Bestseller und mit verschiedensten Preisen ausgezeichnet.

Die Übersetzung ins Deutsche stammt von Ulrike Kretschmer.

Helen Macdonald: Abendflüge.
Hanser, Mai 2021.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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