Helen Garner: Drei Söhne: Ein Mordprozess

dreiIn Australien sorgte ein Prozess für viel Medienrummel. 2005, am Abend des Vatertages, fuhr Robert Farquharson mit seinen drei Söhnen zu seiner Exfrau. Sein alter Wagen verließ unter merkwürdigen Umständen die Straße, rollte in einer langgezogenen Kurve einen Abhang hinunter, kollidierte mit dem Ende eines Zaunes und touchierte Büsche. Danach versank er mit seinen Insassen in einem Baggersee. Die drei Jungen ertranken, Robert, der Vater, konnte sich retten.

Im Verlauf der nächsten zehn Jahre versucht das Gericht die Ungereimten zu klären, während der angeklagte Vater stets seine Unschuld beteuert.

Viele Zeugen werden ausgiebig verhört und dabei vom Verteidiger oder Staatsanwalt mit zahlreichen Fangfragen irritiert. Jeder von ihnen tappt in die Falle, beginnt zu zweifeln. Einige verlassen demoralisiert ihre ursprüngliche Aussage, weil sie auf einmal ihrer Wahrnehmung misstrauen. Und nach jeder weiteren Befragung scheint es eine andere Perspektive auf die Wahrheit zu geben.

»… Was war die Wahrheit? Was sie auch war, sie schien in einem weit entlegenen, schattigen Reich der Qualen zu liegen, nicht mit Worten zu erreichen und dem strebenden Intellekt verschlossen.« (S. 341)

Nicht verschlossen sind die menschlichen Qualitäten, das Scheitern einer Ehe und das Leiden eines Mannes, der nie genug Geld verdiente.

Die Schriftstellerin Helen Garner, geboren 1942 in Geelong (südwestlich von Melbourne) begleitete den Prozess durch alle Instanzen. Aus ihren Beobachtungen und Befragungen der Angehörigen entstand ein fesselnder Bericht, der für einen inszenierten Gerichtsfilm Pate stehen könnte. Denn auch nach der Auslotung aller psychologischen Aspekte eines frustrierten Ehemannes, bleiben Zweifel und Fragen: Wie kann ein Vater in einem versinkenden Fahrzeug seine Kinder zurücklassen? Warum hatte Robert Zeit, Licht, Heizung und Motor auszuschalten aber keine, seine Jungen zu befreien? Bis zuletzt beantwortet er nicht die Kernfrage. Denn als Angeklagter darf er schweigen.

In ihrem kurzweiligen Bericht demontiert Helen Garner das australische Rechtssystem. Die Justiz, als Hüterin von Gesetz und Recht, liefert seine Zeugen schutzlos den Anwälten aus. Die Wahrheit, die es zu finden gilt, ist das erste Opfer.

Helen Garner: Drei Söhne: Ein Mordprozess.
Berlin Verlag, September 2016.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.