Heinrich Haller: Der Kolkrabe: Totenvogel, Götterbote, tierisches Genie

Er ist der weltweit größte Singvogel, Teil von Mythologien und Legenden, jedem bekannt – und doch mit einem schlechten Image behaftet: Der Kolkrabe. Als Aasfresser erscheint er  seit jeher unheimlich: Der Galgenvogel, nicht viel besser als der Geier, ein schlechtes Omen und dem Menschenfleisch nicht abgeneigt. Das alles sind Dinge, an die wir denken, wenn es um den Kolkraben geht. Der Fotograf und Forscher Heinrich Haller hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen allumfassenderen Eindruck von den schwarzen Vögeln zu erschaffen. Sein Augenmerk liegt auf der Intelligenz der Tiere, ihrer atemberaubenden Ästhetik und ihrem komplexen Sozialverhalten. Immerhin gelten sie in der nordischen Mythologie als Götterboten, ständige Begleiter des Göttervaters Odin.

Dass diese wichtige Rolle nicht von irgendwoher kommt, zeigt Haller mit diesem Buch: In seinen Sachtexten erfährt der Leser von der Vogelbeobachtung; wie es dem Fotografen über lange Zeit hinweg gelang, das Vertrauen eines Rabenpaars zu gewinnen, das er jahrelang beobachtete. Wir hören von seinen Reisen durch die ganze Welt und von den Kolkraben in Tibet, Indien und Finnland, in den Alpen, wie im Himalaya. Die Evolution des Raben wird erklärt, die komplexen Sozialstrukturen, ihr Verhalten, ihre Anatomie und vieles mehr. Dieses Buch ist ein umfassender Führer für alle, die mehr über die geheimnisvollen Vögel erfahren wollen. Die Texte sind jedoch nicht das Hauptaugenmerk, vielmehr wird die Ästhetik des Kolkraben dem Leser durch die Vielzahl an Fotografien nähergebracht. Eindrucksvolle Bilder, unter schwersten Bedingungen aufgenommen, eröffnen einem die Welt der Vögel: Ob Nestbau in halsbrecherischen Höhlen, elegante Flugmanöver oder einfach ein Purzelbaum, um ein Geschwisterkind zu amüsieren – die Welt der Kolkraben ist beeindruckend vielschichtig und lohnt einer längeren Betrachtung.

Heinrich Haller hat ein Werk geschaffen, das ein Muss für jeden Vogelliebhaber ist. Es ist beeindruckend in jeder Hinsicht, spannend und voller Informationen. Es bleibt in den Fotografien aber sachlich und verschönert nichts – mit dem Bild des toten Lamms, in dem die Raben eine Nahrungsquelle sehen, muss der Betrachter umgehen können. Aber wie Haller zeigt, ist dieser Vogel so viel mehr als das und selbst schwache Mägen werden sich beim Anblick eines Raben beruhigen, der zum Spaß auf die Seite gelegt einen verschneiten Berg hinunterrutscht. Ein vielseitiger Führer zu einem Vogel, dessen Eleganz und Intelligenz der Welt bekannt gemacht werden sollten! Die Ästhetik der Fotos macht das Buch zu einem qualitativ hochwertigen Projekt, dass Interessen der Fotografie, Vogelforschung, Naturwissenschaft und Tierinteressenten gelichermaßen begeistern wird!

Heinrich Haller: Der Kolkrabe: Totenvogel, Götterbote, tierisches Genie.
Haupt Verlag, September 2022.
216 Seiten, Gebundene Ausgabe, 49,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Isabella M. Banger.

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