Heike Leitschuh: Ich zuerst!: Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip.

Heike Leitschuh hat Politikwissenschaften studiert und ist selbständige Journalistin, Autorin, Moderatorin und Beraterin. Sie ist Autorin und Mitherausgeberin mehrerer Bücher und beschäftigt sich nun in ihrem neuesten Werk mit einer sehr interessanten Frage: Welche Rolle spielt das Ego in unserer Gesellschaft?

Die Autorin findet darauf eine sehr klare Antwort, die sich bereits im Titel des Buches ‚Ich zuerst!‘ widerspiegelt. Sie zeigt anhand vieler eigener Erlebnisse und zahlreicher weiterer Beispiele, wie sehr das ‚Ich‘ in unserer Gesellschaft das ‚Wir‘ verdrängt hat.

Da wäre beispielsweise das Problem, dass bei Unfällen die Bildung einer Rettungsgasse für Einsatzfahrzeuge für viele Menschen ein Problem zu sein scheint. Leitschuh schildert einen Unfall im Mai 2017, bei dem die Rettungskräfte sich schließlich zu Fuß zur Unfallstelle durcharbeiten mussten.

Oder das Filmen mit dem Handy: immer wieder ist es Menschen wichtiger, an einer Unfallstelle zu filmen, statt zu helfen. Oft genug behindern sie dabei noch die Rettungsarbeiten. In diesem Zusammenhang ist auch die Gewalt gegen Rettungskräfte erwähnenswert, die ebenfalls um sich greift und zu einem Problem geworden ist.

Doch die Egomanie betrifft mehr oder wenige alle Lebensbereiche: es beginnt bei einfachen Höflichkeiten, wie dem Aufhalten einer Türe oder dem Einfädeln lassen auf einer dicht befahrenen Straße, geht weiter beim Verhalten im Internet, wo bei Pöbelkommentaren und wüsten Beschimpfungen von ‚Netiquette‘ oft keine Spur ist und reicht über die Vermüllung unserer Umwelt bis hin in die oberen Etagen von Politik und Wirtschaft, wo Trump und Co. zweifelhafte Vorbilder abgeben.

Erkennbar ist dieser Trend zum Ich auch deutlich in der Werbung, stellt Leitschuh fest. Slogans wie ‚Weil du es dir wert bist‘ oder ‚Ich bin die Göttin‘ sprechen eine deutliche Sprache.

Hinter all dem, vermutet Heike Leitschuh, steht als eine wesentliche Ursache unser kapitalistisches Denken. Damit beschäftigt sie sich eingehend im Kapitel ‚Neoliberale Konkurrenzmühle und (un)soziale Medien‘: Der Wirtschaftsliberalismus setzt auf die Starken, während die Schwachen links liegen gelassen werden. Verstärkt wird das Problem noch dadurch, dass die Medien oft polarisieren und Ichbezogenheit fördern. Oft genug aus dem einfachen Grund, auf diese Weise mehr Geld verdienen zu können.

Aber steht es wirklich so schlimm um uns? Sind wir alle nur noch ‚Egozombies‘? Hier lässt Heike Leitschuh dem Leser zumindest einen Funken Hoffnung. Denn sie stellt auch fest, dass es immer noch genug Menschen gibt, denen Kooperation über Egoismus geht.

Ich fand das Buch sehr interessant. Zumal es ein Problem schildert, dass auch ich selbst in meinem Umfeld oft feststelle. Und ich bin mir sicher, dass es anderen ebenso geht: Das bisweilen fassungslos machende Verhalten von Menschen, die nur nach der Maxime ‚Was geht mich das an?‘ zu handeln scheinen.

Etwas anstrengend fand ich beim Lesen, dass der erste große Teil des Buches aus einer Flut von Beispielen besteht, die den wachsenden Egozentrismus schildern und belegen. Es ist definitiv traurig, dass es so viel Negatives zu berichten gibt. Ich persönlich kam mir beim Lesen aber etwas überrollt vor und hätte mich über eine etwas differenziertere Darstellung gefreut. Etwa, indem die Autorin direkt Ursachen, Hintergründe und Verbesserungsmöglichkeiten näher beleuchtet hätte. Das tut sie in eigenen Kapiteln am Ende des Buches, wo sich auch Vorschläge finden, wie wir es besser machen können. Insofern ist alles da und die Struktur eher eine Geschmackssache des Lesers.

Mein Fazit ist, dass es sich auf jeden Fall lohnt, dieses Buch einmal anzusehen. Und sei es nur, um sich die Situation unseres gesellschaftlichen Miteinanders in aller Härte vor Augen zu führen. Das Erschreckende ist doch, dass man sich als Leser immer wieder selbst an Erlebnisse erinnert, die Heike Leitschuh schildert. So ist die fehlende Bildung einer Rettungsgasse sicherlich kein Einzelfall. Die zahlreichen Hinweisschilder an den Autobahnen haben schließlich einen Grund.

Alleine die Tatsache, dass ein solches Buch geschrieben werden musste, lässt schon tief blicken und zeigt deutlich, dass wir alle darauf achten müssen, mehr miteinander und weniger gegeneinander zu leben.

Heike Leitschuh: Ich zuerst!: Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip.
Westend Verlag, Oktober 2018.
256 Seiten, Taschenbuch, 19,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Christian Rautmann.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.