Hayley Long: Der nächstferne Ort

Der nächstferne Ort, das ist ein Ort, an den sich Dylan zurückzieht, um der Wirklichkeit zu entkommen. Es sind Erinnerungsorte, an denen er etwas Schönes erlebt hat: die sonderbare Abgeschiedenheit im Inneren eines riesigen hohlen Baums mitten in einem Park, der erste Kuss auf einer Treppe und Matilda, überhaupt immer wieder Matilda, in die er mächtig verliebt ist. Seit dem Autounfall flüchtet Dylan oft an den nächstfernen Ort. Er kann es nicht begreifen: In einem Moment ist die Welt noch in Ordnung, er und sein jüngerer Bruder Griff sind mit ihren Eltern im Auto unterwegs, es ist schrecklich heiß, ihre Mutter ist ihnen peinlich, weil sie einen Radiosong laut mitsingt und dazu auf dem Sitz tanzt – und im nächsten Moment ist alles anders. Vom vorausfahrenden Autotransporter löst sich ein Kleinwagen und kracht auf das Fahrzeug der Taylors. Ausgerechnet an Griffs dreizehntem Geburtstag.

Dylan verspricht Griff, ihm zu helfen, den Verlust seiner Familie zu verarbeiten. Er passt auf Griff auf und weicht nicht von seiner Seite, außer manchmal, um an den nächstfernen Ort zu gelangen. Die Eltern waren Lehrer und haben sich durch die ganze Welt unterrichtet, Griff und Dylan blieben nirgends lange genug, um eine Heimat zu finden. Nun sind sie völlig entwurzelt, die nie gesehenen Verwandten weit verstreut. Zum Glück gibt es großartige Menschen, die ihnen helfen wollen, doch Griff fällt es schwer, sich ihnen zu öffnen. Er ist in seiner Trauer wie erstarrt. Ein Hund und später eine Katze finden einen Weg zu seinem Herzen und schließlich auch die Musik, die für Griff mit schmerzhaften und schönen Erinnerungen verbunden ist.

Ich-Erzähler Dylan ist ganz nah dran an seinem Bruder, er teilt dessen Schmerz und freut sich über jedes noch so kleine Lächeln von Griff. Er lässt uns teilhaben und an nächstferne Orte gelangen. Er wirkt authentisch – und hier setzt der Dreh an, den die Autorin für ihre Geschichte gewählt hat. Dylans Art zu erzählen lässt uns glauben, dass wir alles über ihn wissen, dass er die Wahrheit sagt. Mit der Wahrheit rückt er allerdings erst ziemlich am Schluss heraus. Aufmerksamen Leserinnen und Lesern ist wahrscheinlich bald klar, was mit ihm los ist, aber diejenigen, die sich von der gefühlvollen Story in den Bann ziehen lassen und Dylan nicht hinterfragen, werden vielleicht überrascht sein.

Ich habe mich beim Lesen gefragt, wie weit man sich in der eigenen Trauer zurücknehmen und seine Bedürfnisse hintenan stellen kann, um jemandem zu helfen – ohne selbst noch mehr Schaden zu nehmen. In Dylans Fall bleiben die Fragen unbeantwortet, da die Autorin sie mit ihrer Geschichte nicht ernsthaft aufwirft. Das Buch ist laut Verlagsangabe für Jugendliche ab 14 Jahren gedacht; diese Zielgruppe stellt sich wahrscheinlich andere Fragen und wird die grafische Gestaltung des Textes mögen. Die Schriftgröße richtet sich nach der Lautstärke, in der gesprochen wird, je lauter, desto größer. Die geflüsterten, kleingedruckten Passagen sind meist die wichtigen.

Ein berührendes Buch über Verlust und Trauer, aber auch über Hoffnung und Liebe.

Hayley Long: Der nächstferne Ort.
Königskinder, März 2018.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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Ein Kommentar zu “Hayley Long: Der nächstferne Ort

  1. Hallo,

    das klingt nach einem sehr bewegenden Buch, und jetzt bin ich neugierig, über was Dylan nicht die Wahrheit gesagt hat… Ich lese nur selten Jugendbücher, aber das hier spricht mich auf jeden Fall stark an.

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

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