Haruki Murakami: Die Chroniken des Aufziehvogels

Haruki Murakami … Tja, was soll ich sagen? Unvoreingenommen starten kann ich diesen Text auf jeden Fall nicht. Oder besser unfüreingenommen. Denn an jenem Abend, als ich meinen ersten Haruki-Murakami-Roman auf einem fremden Schrank fand, vergessen, verstaubt, verwaist, an jenem Abend gewann ich auch ein Stück Weltliteratur, das ich nicht mehr missen möchte. Also bitte wundert euch nicht, wenn ich allzu überschwänglich über diesen, meinen Lieblingsautoren schreibe, der mich so für sich eingenommen hat, obgleich ich ihn selten verstehe.

Der 2020 erschienene Roman „Die Chroniken des Aufziehvogels“, der schon 1994 unter seinem japanischen Namen „Nejimaki-dori kuronikuru“ publiziert wurde, ist noch immer so brandaktuell und flüssig zu lesen, als wäre er just gestern aus Murakamis Feder geflossen. Eine Eigenschaft, die all den verworrenen Erzählungen des Japaners zu Eigen sind und die einen Teil ihres Charmes ausmachen. In diesem Werk geht es um Herrn Aufziehvogel, dessen wahrer Name nichts zur Sache tut. Auf über tausend Seiten verliert er seine Frau und sich selbst, steigt in wasserlose Brunnen und lernt Menschen seltsamer Namen wie Natur kennen, die ihn einführen in die Kunst der mentalen Reise. Er wartet viel und findet schließlich. Die Katze. Einen Weg durch die Wand. Das Wasser. Seine Frau. Sich selbst?

Am Ende bleiben mir mehr Fragen als am Anfang. Alles, was ich begreife, ist die Existenz eines Gleichnisses. Hunderter wahrscheinlich. Murakamis Texte sind Metaphern für etwas größeres, gewichtigeres und gleichzeitig so schlicht in ihrer Aufmachung. Keine stilistischen Mittel benutzt der Autor, um seine Geschichten auszuschmücken. Er benötigt den ganzen Schnickschnack nicht, was in mir das jedes Mal die Illusion auslöst, in einer gewöhnlichen Alltagserzählung eines gewöhnlichen Menschen gelandet zu sein. Herr Aufziehvogel kündigt, kocht, schwimmt, vermisst die Katze, zieht den Reißverschluss am Kleid seiner Frau hoch und riecht ein fremdes Parfüm an ihr. Hinter seinem kleinen Haus eine Gasse ohne Ausgang, so normal, dass ich nie auf die Idee käme, sie zu einem wichtigen Teil einer Geschichte zu machen. Doch Murakami ist da anders. Er versteht sich blendend darauf, den Alltag zu gewichten und von einer völlig nüchternen, realen Geschichte in ein verworrenes Gedankenspiel überzugleiten, bei dem ich am Ende zweifle: Ist das real? Und trotz dem Herr Aufziehvogel die meiste Zeit lang bloß wartet, wird es vor den Seiten niemals langweilig. Denn nicht nur seine Geschichte findet Platz in diesem Buch – Da sind noch Leutnant Mamiya, der starb, als er im mongolischen Nirwana die Sonne erblickte; Zimt, der seine Stimme verlor; die Schwestern Malta und Kreta Kano, eine Erinnerung an Schmerz und Lust; die glatzenzählende May Kasahara und der längst verstorbene Tierarzt mit einem blauen Mal auf der Wange.

Haruki Murakami schafft es erneut, nichts geschehen zu lassen und gleichzeitig alles. Worum geht es in dem Buch?, werde ich gefragt und kann keine Antwort geben. Um die Liebe? Das Leben? Hoffen, warten, ankommen? Um die Suche vielleicht. Das Niemals-Aufgeben. Den Glauben an etwas jenseits unserer Vorstellungskraft. Um den Krieg.

Ach, ganz ehrlich? Ich kann nicht sagen, worum es in Murakamis Erzählungen geht. Und genau das macht sie so besonders. Sie in eine Sparte zwingen? Keine Chance. Murakami ist zu groß für jeden Käfig und macht sich gleichzeitig ganz klein. Und im Gegensatz zu anderen Lieblingsbüchern bin ich nun, nach 1004 Seiten, nicht schlauer als vorher, fühle mich dümmer sogar. Doch wenn der Aufziehvogel in dem Baum vor meinem Fenster unerkannt die Feder der Welt aufzieht, dann gehe ich mit und denke an Herrn Aufziehvogel, der irgendwo in seinem kleinen Garten sitzt, die Katze auf dem Schoß und ein vertrautes Parfüm in der Nase, die Gasse im Blick und dem gleichen Lied lauschend.

Haruki Murakami: Die Chroniken des Aufziehvogels.
DuMont Buchverlag, Oktober 2020.
1008 Seiten, Gebundene Ausgabe, 34,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Luisa Aufderheide.

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