Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da

Matteo kommt wie aus der Welt gefallen daher, in seinem langen schwarzen Mantel und seiner auffallend zuvorkommenden, zurückhaltenden Wesensart. Doch genau damit schafft er es, ohne es beabsichtigt zu haben, das Leben dreier junger Frauen, die in einer männerlosen WG zusammenleben, komplett durcheinanderzuwirbeln.

Matteo ist Restaurator und stammt aus Venedig, wo er zuvor eine der Frauen – Mia – während ihres Studienaufenthaltes kennengelernt hatte. Doch als er dann unangemeldet vor ihr steht, hat Mia im ersten Moment sogar Schwierigkeiten, sich an ihn erinnern zu können. Sie fragt sich, wieso ausgerechnet er, dem gegenüber sie genau wie vielen anderen Bekannten auch, lediglich eine vage Einladung ausgesprochen hatte, nun tatsächlich den Besuch wahr macht.

Matteos Anwesenheit in der Wohngemeinschaft der jungen Frauen, in der ursprünglich keine Männer geduldet werden sollten, wirkt nachhaltig auf alle drei. Sie beginnen, ihre Leben neu zu überdenken, denn von „dem Typ“, wie sie Matteo nennen, geht ein Sog aus, den sich weder die Studentin Mia, noch die Kaffeehausbesitzerin Xenia, noch die Buchhändlerin Lisa erklären können. Dabei agiert Matteo ganz unverfänglich und uneigennützig. Er schafft Ordnung in der Wohnung, gibt wohlmeinende Ratschläge und scheint sich ansonsten nur für den Kölner Dom und verschiedene Heiligenfiguren begeistern zu können, die er in Teilen sehr detailliert nachzeichnet.

Der junge Restaurator, der ursprünglich nur nach Köln gereist ist, um sich nach dem Tod des Vaters wieder neu zu orientieren und zu finden, hat im Kölner Dom ein Stück Zuhause gefunden. Der Dom ist das Gegenstück und die Ergänzung zur Basilika von San Marco in Venedig. Während seiner Zeichnungsstudien, in die er sich stundenlang vertieft, entdeckt er in den alten Figuren vertraute Gesichter.

So sieht er im Antlitz von Barlachs schwebendem Engel, den er in einer kleinen Kirche ausfindig macht, nicht nur das Gesicht von Käthe Kollwitz, das der Künstler dargestellt hat, sondern ebenso das Gesicht seiner Mutter. Und während Matteo immer weitere Heiligenfiguren aufspürt und zeichnet, konkurrieren  Mia, Xenia und Lisa immer heftiger untereinander; jede von ihnen will ihren  Anspruch auf Matteo erheben.

Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da.
Kiepenheuer&Witsch, August 2017.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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