Hanne Ørstavik: Milano

Val und Paolo lernen sich in Oslo bei einer Ausstellung kennen, in der Val zum ersten Mal ihre Zeichnungen der Öffentlichkeit präsentiert. Die junge Norwegerin hat zwar Architektur studiert, aber alles, was sie tun möchte, ist zeichnen. Paolo spricht sie an. Er hat etwas in Vals Bildern gesehen, das ihn berührt, das ihn die Kunst mit anderen Augen sehen lässt und das ihn neugierig auf die Künstlerin macht. In seinem Beruf als Kurator einer großen Galerie, die zum Teil im Besitz seiner Familie ist, muss er die Kunst als Geschäft betrachten. Es geht darum, ihren Marktwert einzuschätzen, zu steigern und sie zu verkaufen.

Schnell werden die beiden ein Paar und Val zieht zu Paolo nach Mailand, um bei ihm zu sein. Val ist gerne mit Paolo zusammen, doch sie fragt sich, ob sie ihn liebt. Denn sie nimmt keine Gefühle in sich wahr, weiß nicht, ob sie vielleicht liebt, ohne es zu wissen, weiß nicht, wie sich Gefühle anfühlen. Außer der Angst und dem Nein – was sie nicht will, ist ihr bewusst, aber nicht, was sie will. Das Zusammensein mit anderen strengt sie an, vor allem, wenn es leer und still ist, wenn nichts zu tun ist, wenn es keinen Plan gibt. Auch wenn sie bei Paolo eine Ausnahme macht, bleibt die Unsicherheit: Was sieht er in ihr? Liebt er sie wirklich? Warum lässt er sich nicht von seiner Frau scheiden, von der er schon seit 10 Jahren getrennt lebt? Was, wenn er Val verlässt, ihrer überdrüssig wird?

Vals größter Wunsch ist, zu jemandem zu gehören. Sie kennt das Gefühl des Verlassenwerdens und der Ablehnung. Anfang der 1990er sind ihre Eltern in die USA gegangen und haben sie als kleines Mädchen zurückgelassen. Sie sagten, sie wären als Eltern nicht geeignet. Doch Val vermisst sie trotzdem. Der Verlust prägt ihr ganzes Leben. Val wächst bei ihrer Tante Siv auf, die zu ihr ins Elternhaus zieht. Die Beziehung zu Siv bleibt oberflächlich, sie kommen gut miteinander zurecht, aber über Empfindungen spricht man nicht. Tagsüber ist Val ein liebes, vernünftiges Mädchen, aber in der Nacht kommen die Albträume, die sie vor dem Einschlafen zurückschrecken lassen. Sie will sich nicht ausliefern, nicht die Kontrolle verlieren – bis heute. Auch nicht bei ihrem Körper. Sie isst wenig und läuft viel, zweifelt vor allem an sich, selten an anderen.

Was Val sucht, ist Halt. Sie möchte Teil von etwas sein und gleichzeitig sie selbst bleiben. Mit Paolo könnte das wahr werden. Doch dafür muss sie ihn und sein Umfeld besser kennenlernen. Sie versucht, sich die italienische Kultur und Geschichte zu erschließen, sieht sich Bildbände und Gebäude an, spaziert durch die Stadt, reflektiert über das, was sie sieht und zeichnet.

Halt geben ihr auch die Geschichten, die sie sich über Menschen ausdenkt, denen sie begegnet. Sie stellt sich ihre Kindheit vor, wie sie leben, ihre Probleme und Gefühle. Sie zeichnet sie, schlüpft so in ihre Haut und lässt sie in sich lebendig werden. Im Zeichnen sucht sie sich selbst.

„So verbringt sie ihre Tage, Val, sie arbeitet und arbeitet an sich selbst. Als wäre die Liebe nur von ihr selbst abhängig, als wäre sie eine Blume, die sie aus ihrer Brust herauswachsen lassen kann, ganz allein und aus sich selbst heraus.“ (Seite 80, Kapitel „Ein Körper im großen Körper“)

Der Roman beginnt etwas spröde, wird aber schnell lebendig, farbig und detailreich. Mit langen Sätzen, in denen sich Gedanken und Beobachtungen aneinanderreihen, führt die profilierte norwegische Autorin Hanne Ørstavik die Leserinnen und Leser durch Vals Welt. Die Worte beginnen zu fließen, wie das Wasser der Kanäle in Mailand, an denen Val so oft entlangläuft. Andreas Donat hat das wunderbar aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt. Auch wenn es vielleicht den Lesegewohnheiten des einen oder der anderen nicht ganz entspricht, lohnt es sich, den Text mit seiner Ausdrucksweise auf sich wirken zu lassen.

Es geht um innere und äußere Bilder, um Bilder von sich selbst und von anderen. Wie sie sich verweben, ineinander übergehen, sich entwickeln. Es geht darum, genau hinzuschauen, in sich hinein zu spüren, darum, was Eindrücke mit uns machen können, aber auch darum, wie wir die Bilder selbst beeinflussen, verändern und in der Kunst und im Leben – egal ob mit Hilfe von Musik, bildender Kunst oder Schreiben – kreativ nutzen können.

„Milano“ ist kein einfacher Roman, aber ein sehr tiefgehender und berührender. Dazu trägt auch die Struktur des Einbandes bei, die nicht nur wunderbar aussieht, sondern auch so in der Hand liegt. Das i-Tüpfelchen ist für mich das Mädchen auf dem Cover-Foto. Genau so stelle ich mir Val als Kind vor – tieftraurig, verschlossen und doch mit einem neugierigen Blick auf die Welt.

„Milano“ ist für mich ein rundum gelungenes, ganz besonderes Gesamtpaket, das ich nur wärmstens empfehlen kann.

Hanne Ørstavik: Milano.
Karl Rauch Verlag, August 2020.
368 Seiten, Taschenbuch, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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