Hala Kodmani: »Sie können mir den Kopf abschlagen, aber nicht meine Würde nehmen«

„… 1. Juni 2015

Baghdadi hat für die Provinz Rakka die allgemeine Mobilmachung ausgerufen. Also, meine Herren Daeschler, ich werde für euch beten! Aber nur, wenn ihr auch brav als Märtyrer sterbt und kein Einziger von euch übrig bleibt!“ (S. 129)

Zwischen August und Oktober 2015 wurde Ruqia von der IS hingerichtet. Weil sie insbesondere über die Unterdrückung und den Terror in Rakka bzw. Syrien auf Facebook berichtet hatte, wurde sie „Journalistin“ genannt und als gefährlich eingestuft. Denn ihre Berichte standen im Widerspruch zu den offiziellen Bekanntmachungen.

Hala Kodmani ist eine syrische-französische Journalistin, die im Rahmen ihrer Recherchen 2016 auf „Nissan Ibrahim“ aufmerksam wurde. Nissans umfangreiche Chronik beeindruckte sie so sehr, dass sie sich auf eine Spurensuche begab. Wer verbarg sich hinter dem Pseudonym Nissan, wie lebte und starb sie?

Entstanden ist eine berührende Geschichte über eine freidenkende Frau, die unter al-Assads Terrorregime litt, den Arabischen Frühling schnupperte und schließlich miterlebte, wie nach der Befreiung Vertreter des IS (in al-Assads Auftrag) in das politische Vakuum eindrangen. Die gewaltintensive Besetzung aller wichtigen Schlüsselpositionen erlaubte dem IS, innerhalb kurzer Zeit einen neuen Staat im Staat zu gründen. Jeder Syrer wurde hart und oft öffentlich bestraft, der eine der vielen neuen Regeln missachtete, so absurd sie auch sein mochten.

Nissan alias Ruqia nahm kritisch, mal humorvoll Stellung. Ihr schwarzer Galgenhumor erscheint angesichts der brutalen Ereignisse wie ein wohltuender Lichtstrahl zwischen schwarzen IS-Gewändern. Der Leser darf zu den irreführenden Berichten über den Völkermord in Syrien nun zwei authentische Stimmen kennenlernen, die Rückschlüsse erlauben. Hala Kodmani erzählt Ruqias ungewöhnliches Leben, das zugleich auch ein politischer Spiegel über das sinnlose Töten geworden ist. Die darin eingebetteten Posts machen Hunger auf mehr. Trotz der erschütternden Informationen. Und am Ende bleibt die Frage, wie regiert ein Diktator, nachdem er sein Herrschaftsgebiet nahezu entvölkern ließ?

Politische Prozesse dienen den Mächtigen und denen, die es werden wollen. Man kann ihre Strategien an Hand von Hala Kodmanis Bericht wunderbar analysieren. Ihr Buch ist deshalb ein MUSS für jeden, der die Freiheit liebt.

Hala Kodmami: »Sie können mir den Kopf abschlagen, aber nicht meine Würde nehmen«: Ruqias  tödlicher Kampf auf Facebook.
dtv, März 2018.
144 Seiten, Taschenbuch, 14,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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