H. G. Parry: Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep

Rob Sutherland ist vom Schicksal schon geschlagen. Ein paar Jahre ging es ihm besser, er konnte sein eigenes Leben aufbauen und eine Beziehung eingehen, inzwischen ist sein Bruder aus Oxford ins heimatliche Wellington, Neuseeland zurückgekehrt und RobS Leben – nun, nennen wir es interessant. Was ein jüngerer Bruder nicht so alles anrichten kann – ganz besonders, wenn er, wie in Charleys Fall, Figuren und Gegenstände aus Büchern in die Wirklichkeit herauslesen kann. Das verstehen sie jetzt nicht? Nun, Charley hat die Gabe Figuren, Lebewesen und Gegenstände aus Büchern in der Realität Gestalt annehmen zu lassen. Wenn er besonders tief in ein Buch versinkt, dies passiert ihm als promovierten Literaturwissenschaftler bedauerlicherweise viel zu oft, nehmen die Gestalten mit denen er sich gerade beschäftigt in der Realität Leben an. Als Kind hat er Millie-Radcliffe-Dix, ja, die jugendliche Detektivin und Sherlock Holmes als Begleiter ausgewählt, inzwischen hat er sich auf Charles Dickens spezialisiert und just Uriah Heep, den Bösewicht aus Dickens „David Copperfield“, herausgelesen. Mitten in der Nacht schrillt bei Rob das Telefon und er bricht, sehr zum Unwillen seiner Lebensgefährtin stante pede auf, seinem Bruder beim Einfangen des flüchtigen Heep beizustehen.

Im Verlauf der weiteren Handlung kommen die Gebrüder Sutherland dann einer Gasse in Wellington auf die Spur, die niemand außer Charley und in die Wirklichkeit gelesene Figuren betreten kann. Zusammen mit Millie – ja, die inzwischen erwachsen gewordene Kinderdetektivin – machen sich die Brüder auf, die ultimative Bedrohung eines weiteren Lesers für die Welt der Realität abzuwenden. Ein Unbekannter plant eine ganze Welt in die Realität zu lesen, eine Welt der Verbrecher, der Tunichtgute und Despoten – und davon gibt es in der Literatur wahrlich mehr als genug …

Menschen, die die Gabe haben, entweder in Bücher einzutauchen – und dies wortwörtlich – oder Figuren aus Büchern herauszuholen – das ist als Topic nicht wirklich neu. Jasper Fforde „Thursday Next“ Romane (Deutsch bei dtv) und die wunderbaren Geschichten aus der unsichtbaren Bibliothek von Genevieve Cogman („Die Bibliothekare“ Deutsch bei Baste-Lübbe) kommen mir hier sofort in den Sinn, oder aber Kai Meyers „Die Seiten der Welt“ (Deutsch Fischer). Insoweit betritt die neuseeländische Autorin mit ihrem Romanerstling nicht unbedingt Neuland. Dennoch reizt das Thema den Leser natürlich, das Spiel mit dem Gedanken, was wäre, wenn ich meine Lieblingsfiguren tatsächlich treffen, mit ihnen interagieren könnte, das hat etwas.

Wie dies bei einem Debut oftmals der Fall ist, ist der Roman um einiges zu lang geraten. Hier hätte dem Plot eine mehr oder minder moderate Kürzung gut getan. Weiter auffällig ist, dass sich die Autorin Zeit nimmt. Das soll nicht heißen, dass es etwa langweilig zugehen würde, doch die Handlung schreitet eher gemächlich voran, als dass sie voranstürzen würde. Folge dieser eher geruhsamen Erzählweise ist, dass Parry uns von ihrem Ort der Handlung – und das ist nicht nur die Gasse, sondern eher die gesamte Küstenstadt – vorschwärmen kann. Das ist fast schon zu viel des Guten wie sie hier ihrer Liebe für ihre Heimat Ausdruck verleiht. Sieht man über diese Schwächen hinweg, so erwartet ein Buch den Leser, dem man die Liebe der Autorin zu Büchern, insbesondere zu Dickens anmerkt. Jede Menge Anspielungen auf die Bücher Dickens aber auch auf andere Bücher der Welt- und Unterhaltungsliteratur machen die Lektüre auch zu spannenden Reise in die eigene Lesevergangenheit und zum spannenden Rätsel, ob man denn die auftretenden Figuren auch zuordnen kann.

Weiterer Pluspunkt der unaufgeregten Erzählweise ist, dass die Autorin ihre Figuren sehr detailreich ausgestalten kann. Auch wenn manche Persönlichkeiten gerade der Weltliteratur eher blass bleiben, nehmen doch die Hauptdarsteller schnell plastisch Gestalt an. Ihre Motivation, ihr Gefühlschaos angesichts der abenteuerlichen Erlebnisse wird uns nachvollziehbar und überzeugend geschildert.

So ist dies ein Roman, der eher behutsame Töne anschlägt, dessen Handlung gemächlich voranschreitet, dessen Plot aber auch von der Liebe zur Literatur zeugt und fähig ist, seinen Leser zu verzaubern.

H. G. Parry: Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep.
Heyne, April 2020.
608 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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