Guiseppe Fava: Bevor sie Euch töten (1976)

»… Als ich jung war, dachte ich, man müsse kämpfen und Widerstand leisten, um etwas zu erreichen. Aber ich war ein Wirrkopf. Ich dachte, wenn ein Mensch lebt, dann muss es auch ein Ziel für ihn geben. Aber ich habe nichts erreicht, und jetzt weiß ich nicht einmal mehr, was ich gesucht habe, als ich jung war.« (S. 312)

Lorenzos Leben als einfacher Arbeiter in Sizilien ist hart. Am Ende seiner Tage muss er hungern. Als er beim Wildern erwischt wird, hat der einfache Bauer ohne Bildung keine Chance auf einen gerechten Prozess. Er wird gefoltert und schikaniert. Um seine Ehre zu retten, tötet er einen Menschen. Natürlich wird er von der Polizei gesucht. Er kann sich in den Bergen verstecken, wo er auf drei jüngere Schicksalgefährten trifft. Jeder von ihnen hat ein Ziel; die Liebe, ein besseres Leben oder genug Geld, für Medikamente. Wie Lorenzo haben sie die Regeln der Reichen gebrochen. Die unterschiedlichen Männer, die nur als Verbrecher eine Überlebenschance haben, bilden eine Gemeinschaft. Während die Suchtruppen der Polizei ihr Versteck immer mehr einkreisen, erhalten sie einen Mordauftrag. Der Preis hierfür sind neue Pässe für eine Flucht nach Venezuela.

Giuseppe Fava (1925 – 1984) wurde in Sizilien geboren und ermordet. Der Kampf gegen Gewalt und insbesondere gegen die Mafia dürfte im Zentrum seines Lebens gestanden haben. Hierbei halfen ein abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaften, die Arbeit als Journalist und  Autor von Theaterstücken, Drehbüchern und Romanen.

Bevor sie Euch töten ist ein Sozialdrama, das aus der Sicht verschiedener Protagonisten erzählt wird. Giuseppe Fava hat sie geschickt verzahnt, so dass die Macht der Mafia und der Reichen ständig spürbar ist. Der packende Roman macht den Leser gleichzeitig zu einem hilflosen Beobachter. Denn bereits vor dem Spiel ‚Überleben‘ sind die Karten aller Protagonisten gemischt und verteilt. Wer noch an einen Sieg glaubt, braucht Nerven und das richtige Pokerface. Die Spielregeln in einer verarmten Region in Sizilien lassen sich wie folgt beschreiben: 100 Reiche legen die Arbeitsbedingungen von 20.000 Bürgern fest, die ohne Bildung für ihr Existenzminimum schuften. Moderne Sklaverei und Leibeigenschaft sind hier eine Symbiose eingegangen. Denn wer die Zusammenarbeit verweigert, verhungert oder wird getötet. Ein auf Vortragsreisen geschulter Politiker fragt: Wie viele Reiche kann ein Land vertragen? Er könnte auch fragen, wie viele Arme, Ungebildete verträgt eine Gesellschaft?

Bei der bis zum letzten Wort fesselnden Lektüre entstehen Bilder, die nicht mehr aus dem Kopf wollen. Bei dem Titel Bevor sie Euch töten kann man kein glückliches Ende erwarten. Dafür ist das Thema viel zu ernst und bedrohlich. Über das Beschreiben der verschiedenen Schicksale gelingt Giuseppe Fava das Kunststück, Politik, Aufklärung und Literatur miteinander zu verknüpfen.

Guiseppe Fava: Bevor sie Euch töten.
Unionsverlag, Februar 2017.
352 Seiten, Taschenbuch, 14,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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