Günter de Bruyn: Der neunzigste Geburtstag

Der deutsche Schriftsteller Günter de Bruyn (Jahrgang 1926) wurde in Berlin geboren, erlebte Nazi-Deutschland, arbeitete als Bibliothekar und Schriftsteller in der DDR und lebt heute in Görsdorf (Brandenburg). De Bruyn wurde vielfach ausgezeichnet und besonders durch seine kulturgeschichtlichen Essays und seine autobiographischen Werke bekannt. Am 26. September 2018 ist sein Roman „Der neunzigste Geburtstag“ im S. Fischer Verlag erschienen.

Die Geschichte um die Familie Leydenfrost siedelt Günter de Bruyn im Jahre 2015 im Dorf Wittenhagen in Brandenburg an. Hedwig Leydenfrost, die früher „radikale Wortführerin der außerparlamentarischen Opposition“ gewesen ist, wird im nächsten Jahr neunzig Jahr alt. Dieser runde Geburtstag soll mit einer Spendensammlung für Flüchtlinge verknüpft werden. Die Organisation der Feier liegt in den Händen von Hedwigs Bruder Leonhardt, ihrer Pflegetochter Fatima und Leonhardts Tochter Wilhelmine sowie deren Sohn Walter.

Leonhardt Leydenfrost, der selber weit über achtzig Jahre alt ist und im Gegensatz zu seiner Schwester die DDR nie verlassen hatte, ist ehemaliger Bibliothekar und lebt mit Hedwig, Wilhelmine, Fatima und Walter in der Villa auf dem ehemaligen Gutshof der Familie. Die Villa wurde nach der Wende durch Onkel Eckhardts finanzielle Unterstützung von den Leydenfrosts zurück gekauft. Das Haus ist inzwischen heruntergekommen, finanzielle Mittel zur Sanierung fehlen. Leos heißgeliebte Frau Maria liegt auf dem Friedhof in Kossow und sein Sohn Rainer (ehemaliger SED-Parteigenosse) ist aus dem Leben des Vaters verschwunden. In Vorbereitung auf den Geburtstag der Schwester durchläuft die Familie Leydenfrost die Jahreszeiten in der brandenburgischen Provinz in dem Jahr, das geprägt wurde durch Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“. Am Ende kommen keine unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge nach Wittenhagen und die Geburtstagsfeier findet ohne die Jubilarin Hedwig Leydenfrost statt.

Günter de Bruyn schreibt mit „Der neunzigste Geburtstag“ deutsche Gegenwartsliteratur. Die Hauptfigur der Geschichte Leonhardt Leydenfrost trägt autobiographische Züge. De Bruyn beschreibt die Sicht eines alten Menschen auf das Heute im Osten Deutschlands. Und darin zeigt sich viel Unverständnis, aber auch eine große Altersmilde und Weisheit.

Er kommt zwar nicht ohne Ost-West-Klischees aus, zum Beispiel wenn er Leo über Erwin Hoffmann (Geschäftsführer der Wittenhagener Agrargenossenschaft) sagen lässt: „Er kann sicher auftreten, sagst du. Damit steht er nicht allein. Das haben die Leute von drüben, wie es scheint, doch alle gelernt…“ (S. 76).

Und auch die eine oder andere Stammtischparole über Flüchtlinge findet sich in der Geschichte, wie in der Einschätzung eines ehemaligen Dorfbewohners, der nun „an der Oder irgendwo im Amt“ ist (S. 189 ff), die Leonhardt beim Dorfklatsch im Frisiersalon erzählt bekommt. Nichtsdestotrotz liefert Günter de Bruyn ein aktuelles Gesellschaftsporträt und da sind Plattheiten Teil der Realität.

De Bruyns Sprache ist im positivsten Sinn altmodisch, herrlich ironisch und mit einem feinen Humor versehen. Seine Schilderungen der Landschaft und der Jahreszeiten, die Charakterisierungen der Figuren und die Dialoge sind für mich als Lesende eine literarische Wohltat. Die Kunst der formvollendeten Formulierung beherrscht Günter de Bruyn perfekt.

Wollen Sie heutzutage wissen, wie (wahrscheinlich nicht nur ältere) Menschen das Jetzt in unserer deutschen Gesellschaft und Politik beobachten, erleben und (wie in Leos Fall) eher erleiden? Dann müssen Sie „Der neunzigste Geburtstag“ von Günter de Bruyn lesen.

Günter de Bruyn: Der neunzigste Geburtstag.
Fischer, September 2018.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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