Gretchen Berg: Die Telefonistin – Mrs. Dalton hört mit

Witzig und mit Retro-Charme: Wir schreiben das Jahr 1952 in der Kleinstadt Wooster in Ohio. In der Kleinstadt geht es recht beschaulich zu, doch über den Klatsch und Tratsch ist eine Person bestens informiert – Vivian Dalton. Als Telefonistin hört sie öfters mal ein Telefongespräch mit an, obwohl dies eigentlich verboten ist.  So rühmt sich Vivian einer großen Menschenkenntnis, auch wenn diese hauptsächlich auf Lauschen basiert. Am liebsten würde sie sich in die Telefongespräche verbal einklinken, um Paare zusammenzuführen oder Unstimmigkeiten zu schlichten. Mit ihrem Mann Edward und ihrer 15-jährigen Tochter Charlotte führt sie ein ruhiges Leben. Insgeheim hofft sie sogar auf einen handfesten Skandal in Wooster. Ihr Wunsch geht in Erfüllung. Dumm nur, dass sie selbst Gegenstand des Skandals ist! Die Telefonistin belauscht einen Anruf, in dem angedeutet wird, dass ihr Ehemann bereits mit einer anderen verheiratet sei. Vivian Dalton als Opfer eines Bigamisten? Das kann und darf nicht sein! Nach der ersten Demütigung macht sich Vivian auf, selbst Recherchen anzustellen. Denn eines hat sie durch ihren Beruf gelernt: Wissen ist Macht! Zu dumm, dass sie es bislang nie eingesetzt hat.

Neben dem Skandal um Vivian Daltons scheinbar ungültige Ehe, ereignet sich ein weiterer Skandal in Wooster. Flora Parker, Angestellte der örtlichen Kreditanstalt, hat gemeinsam mit ihrem Arbeitskollegen Gilbert Ogden 250.000 Dollar veruntreut und ist mit diesem auf und davon. Woraufhin ihr gehörnter Ehemann mit gezogener Waffe wutentbrannt aus dem Haus gestürmt ist und seitdem nicht mehr gesehen wurde. Plötzlich kommen überall lang gehütete Geheimnisse ans Tageslicht. Fest steht: Wooster ist längst nicht so brav und sauber, wie es den Anschein erweckt.

Gretchen Berg hat einen amüsanten Roman mit viel Zeitkolorit geschrieben. Männer spielen in dem Plot eine untergeordnete Rolle. Kommunikation scheint zwischen den Geschlechtern praktisch gar nicht stattzufinden, was mitunter sehr irritiert, da sich manches Missverständnis dadurch leichter hätte aufklären lassen. Doch der Fokus liegt ganz auf den Frauen. So ist der Roman auch ein Roman über die Stellung der Frau in der damaligen Zeit und erste Ausbruchversuche aus alten Rollenklischees. Vivian gerät öfters mit ihrer Tochter Charlotte aneinander, die ihre Nase ständig in Bücher steckt. Sie ist ihrer Mutter, die als mittleres von fünf Kindern nach der Weltwirtschaftskrise die Schule abbrechen musste, intellektuell überlegen. Mrs. Daltons mangelnde Fremdwörterkenntnisse werden zum Running Gag des Buches. So zerreißt Vivian Dalton wutentbrannt eine Schul-Ausgabe von „Der Mythos des Sisyphos“, in der irrigen Annahme, es handele sich dabei um Syphilis und Pornografie! Ernste Reibereien gibt es aber vor allem mit Betty Miller, Bürgermeistertochter und angesehenes Gemeindemitglied, die das Gerücht um Vivians Ehemann lautstark hinausposaunt. Neid spiel hier eine Rolle, ebenso wie bei Vivians älterer Schwester Vera, die stets hinter ihrer schöneren Schwester zurückstecken musste.

So macht der Roman auch deutlich, warum die Frauen so gerne mit dem Finger auf andere zeigen und Wooster einem Raubtierkäfig an weiblichen Sticheleien ähnelt. Betty Miller zieht aus dem ständigen Vergleich mit anderen die überhebliche Gewissheit „im Leben alles richtig gemacht zu haben.“ Finanziell abhängig und eingeengt durch strenge Moralvorstellungen sind gutes Aussehen, Mutterschaft sowie ein guter Ruf oft alles, was den Frauen bleibt. Doch es gibt Zeichen des Wandels. Die kluge Flora Parker hat eine ganze Kreditanstalt über den Tisch gezogen. Zum ersten Mal möchte eine Frau als Bürgermeisterin kandidieren. Manche Ehefrau entdeckt, dass es nie zu spät ist, den Highschool Abschluss nachzuholen.

Fazit: Die Telefonistin ist ein amüsantes, charmantes Buch über die 50er Jahre mit viel Zeitkolorit, das insbesondere in der zweiten Hälfte auch kriminalistische Züge trägt. Geballte Aktion dürfen Leser hier natürlich nicht erwarten, alles folgt dem Gang, welcher der damaligen Zeit jenseits von Internet und Direktwahltelefon entspricht. Angelehnt ist der Plot an die Geschichte von Gretchen Bergs Großmutter, die einmal als Telefonistin gearbeitet hat. Ihr Roman ist eine Geschichte über Frauen, ihre Wünsche, ihre Macken. Und er gibt Einblick in die Welt eines vergessenen, faszinierenden Berufes. Big Brother is watching you? Von wegen! Es ist die Telefonistin.

Gretchen Berg: Die Telefonistin – Mrs. Dalton hört mit.
Diana, Mai 2020.
400 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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