Graham Swift: Da sind wir

Der britische Schriftsteller Graham Swift (Jahrgang 1949) gehört zu den renommierten Autoren der Gegenwart. Er ist Man Booker Prize Träger und seine Romane sind internationale Bestseller. Sein neuester Roman „Da sind wir“ erscheint in einer Übersetzung von Susanne Höbel am 13. März 2020 bei dtv Literatur.

Graham Swift erzählt die Geschichte von Jack Robbins, Ronnie Dean und Evie White. Sie spielt in den 1950er Jahren. Jack ist Entertainer, Conférencier und Komiker, Ronnie zaubert und Evie tanzt, kann aber nicht singen. Jack und Evie werden von Kindesbeinen an auf das Bühnenleben „abgerichtet“:

„Wenn man sonst nichts hatte, so verfügte man doch über den eigenen Körper, den man für Auftritte und zur Unterhaltung einsetzen konnte.“ (S. 21)

Ronnie wächst in armen Verhältnissen auf, sein Vater Sid fährt zur See und seine Mutter Agnes ist Putzfrau. Einmal bringt Ronnies Vater einen Papagei mit, der Pablo genannt wird, Ronnies zweiter Vorname. Ronnie mag ihn, seine Mutter nicht. Irgendwann verkauft Agnes den Vogel an einen Tierhändler. Das verzeiht Ronnie ihr nicht.

Als Achtjähriger, 1939, wird Ronnie, wie viele Kinder, wegen des Krieges von London aufs Land geschickt. Er hat Glück und landet bei Eric und Penelope Lawrence in Evergrene nahe Oxford. Dort wächst er glücklich auf und lernt von Eric das Zaubern. Als er 1945 nach London und zu seiner Mutter zurückkehrt, steht sein Berufswunsch fest: er will Zauberer werden. Doch zunächst muss Ronnie zum Militär. Dort lernt er Jack kennen. Sie treten anschließend zusammen auf, sind jedoch nicht sehr erfolgreich und so trennen sich ihre Wege zunächst. Als Jack ein Engagement bei einer Varieté-Show in Brighton erhält, holt er Ronnie zu sich und verspricht ihm Arbeit, jedoch nur unter der Bedingung, dass er sich eine Assistentin besorgt. Eric Lawrence stirbt und vererbt Ronnie eine beachtliche Summe Geld. Mit diesem Geld stellt Ronnie Evie White ein. Unter dem Namen Pablo und Eve werden ihre Zaubernummern immer ausgefeilter und das Publikum liegt ihnen zu Füßen. Ronnie verlobt sich mit Evie. Sie wollen heiraten. Doch dann muss er nach dem Tod seiner Mutter nach London reisen. Evie beginnt eine Affäre mit Jack. Die Saison in Brighton geht zu Ende, und nach der letzten Show, in der plötzlich ein Papagei auftaucht, verschwindet Ronnie, „der große Pablo“, auf Nimmerwiedersehen.  Evie wird zu Mrs Jack Robbins und managt seine Karriere.

Fünfzig Jahre später – nach Jacks Tod – fragt sie sich, was aus „dem großen Pablo“ geworden ist und was wäre, wenn er mit einem „Da bin ich. Da sind wir“ wieder auftauchen würde.

Graham Swift erzählt „Da sind wir“ auf eine gute, altmodische Art und Weise. Das liegt nicht nur daran, dass der Roman in den Nachkriegsjahren spielt, sondern an Swifts Sprache, seinen Formulierungen:

„Er betastete seine Fliege, legte die Hand vor den Mund und räusperte sich höflich, als würde er gleich ein Zimmer betreten, nichts weiter. Er strich sich die Haare zurück.“ (S. 9)

Swifts Figuren sind liebevoll, geradezu behutsam charakterisiert und in die Zeit eingebettet. Die glitzernde Welt des Varietés, die sich damals großer Beliebtheit erfreute, mit der Magie des Zauberns, der Illusion und der Unterhaltung bildet den Rahmen für die Dreiecksgeschichte zwischen den Künstlern. Exotisch und schillernd wie das Gefieder des Papageis, der auftaucht und verschwindet. Geheimnisvoll wie die Zaubertricks, die die Menschen staunend zurücklassen und rätselhaft wie das Verschwinden des „großen Pablo“ von dem schwankenden Pier in Brighton. Graham Swift schafft für mich als Lesende mit dieser Atmosphäre eine unwiderstehliche Anziehungskraft für seinen Roman. Und natürlich auch mit der Frage nach dem Schicksal von Ronnie Dean, die sich Evie ihr Leben lang stellt.

In „Da sind wir“ ist eine Unterhaltungsshow die Bühne für eine magische, bezaubernde Liebesgeschichte, die eine Illusion bleibt. Bitte lesen!

Graham Swift: Da sind wir.
dtv, März 2020.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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