George Saunders: Zehnter Dezember

zehnWie von einem anderen literarischen Stern wirken einige der Kurzgeschichten von George Saunders – so originell, so witzig, so unterhaltsam, so tiefschürfend – schlicht so gut sind sie.

Im neuesten Band unter dem Titel „Zehnter Dezember“ gibt der 1958 geborene Englisch-Professor aus Amerika seinen Storys oft kleine irrationale Drehs, die aus Alltagsbegebenheiten etwas machen, das der Leser schwer fassen kann, das ihn mitunter verstört zurücklässt und diese Geschichten gerade deshalb so reizvoll macht – wie ein an ein Kruzifix erinnerndes Gestell, das ein ansonsten eher biederer Mann in seinem Garten zu jedem Anlass wie Thanksgiving oder Weihnachten passend schmückt. Und als seine Frau stirbt, verkleidet er es als Tod – und schon sieht der Leser den Mann mit anderen Augen.

Bemerkenswert ist eine Science-Fiction-Story, in der die Versuchspersonen Injektionen verpasst bekommen, die sie ganz nach Wunsch eines Wissenschaftlers in tiefste Depressionen oder himmelhochjauchzende Glücksgefühle versetzen. Auch kann der Versuchsleiter die Probanden dazu bringen, sich heftigst ineinander zu verlieben. Dass das nicht gut ausgeht, ahnt man.

Oder der Mann, der in seiner Firma einen Verkaufsrekord aufstellt und danach in tiefste Depressionen verfällt. Oder ein anderer Mann, der sich unrettbar verschuldet, um seiner Tochter ein schönes Geburtstagsgeschenk zu machen.

Da schwingt eine Menge Gesellschaftskritik mit, aber nie so penetrant, dass der Unterhaltungscharakter darunter leiden und sich ein moralin-saurer und störender Eindruck ergeben könnte.

Geradezu herausragend ist die psychologische Beobachtungsgabe des Autors. Immer wirken seine Figuren absolut glaubhaft und überzeugend, so unterschiedlich sie auch angelegt sind – wie in der Titelgeschichte „Zehnter Dezember“, die abwechselnd aus zwei Perspektiven geschrieben ist und in der ein Junge einen Selbstmordwilligen vor dem Erfrierungstod zu retten versucht. Ein tolles Buch!

George Saunders: Zehnter Dezember.
Luchterhand, Februar 2014.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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