Garielle Lutz: Geschichten der übelsten Sorte

Der Autor Clemens J. Setz („Indigo“) bezeichnet Garielle Lutz als „eine der großen Prosamagierinnen“. In der Tat ist die Sprache, mit der die Autorin uns Leser angeht, ungewöhnlich intensiv. Manche Sätze stehen so sehr für sich, dass ein Weiterlesen zunächst einmal schwierig erscheint, und oft reihen sich genau diese Sätze sogar aneinander.

Der Übersetzer Christophe Fricker hat für das als unübersetzbar geltende Buch Worte gefunden wie: „Sie schneidersetzte sich auf den Wohzimmerboden“. Es folgen surreale Sätze wie „Der Baum vor dem Fenster macht viel Lärm“. Aber auch abstoßende und nervende Beschreibungen über Kot, Urin und Selbstbefriedigung: „Ich hole mir noch zweimal heilsam einen runter“. Es folgt die Episode, in der der Protagonist von Geschäft zu Geschäft läuft, um in der Umkleidekabine auf die eigene und die zu verkaufende Kleidung „die Pisse […] loslaufen“ lässt. Lässt die eine Frau „ihre Arme so langsam in meine Richtung ausrollen, so sehr im Verborgenen“, ist eine andere „Frau ein vielbenutzter, unbewohnbarer Rotschopf gewesen“.

Worum geht es in den „Geschichten der übelsten Sorte“ noch? Wer nicht nur gern Prosaminiaturen liest, sondern auf der Suche nach einer Handlung ist, begleitet den Protagonisten (die Protagonisten?) als Universitätsdozent, Identitätssucher, Ex-Ehemann und Vater. Seine wechselnden – offenbar immer frustrierenden – sexuellen Beziehungen zu Männern und Frauen, ein Leben im intellektuellen Prekariat und eine gehörige Portion Misogynie verbinden die in Bruchstücken episodenhaft erzählten Geschichten, die teilweise wenige Zeilen lang sind.

Wer ohne allzu lange Unterbrechungen liest, kann den Lebensweg des Universitätsdozenten trotz einiger Zeitsprünge nachvollziehen: ein trauriges, einsames, armes, unglückliches Leben. Gedemütigt von den Umständen und unablässig demütigend in der Sprache.

Zur Autorin: Garielle (früher Gary) Lutz stammt aus Pennsylvania, wo sie bis heute lebt. Sie studierte Literatur bei Gordon Lish und war Stipendiatin des National Endowment for the Arts und der von John Cage und Jasper Johns gegründeten Foundation for Contemporary Arts. Sie hat sechs Erzählungsbände veröffentlicht, darunter Geschichten der übelsten Sorte (Stories in the Worst Way, 1996) und zuletzt Worsted (2021). Sie war Universitätsdozentin für Englisch.

Garielle Lutz: Geschichten der übelsten Sorte.
Aus dem Englischen übersetzt von Christophe Fricker.
Weissbooks, April 2022.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Corinna Griesbach.

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