Gallert & Reiter: Tiefer denn die Hölle

Da haben sich drei gesucht und gefunden: das Autorenduo Gallert/Reiter und ihr Protagonist, der Polizeiseelsorger Martin Bauer. Offensichtlich haben die Autoren ihre Nische im Krimigenre gefunden, denn Martin Bauers erster Fall „Glaube, Liebe, Tod“, der 2017 bei Ullstein erschienen ist, zog viele Leser in seinen Bann. Schon kurze Zeit später präsentieren sie den zweiten Fall des Pfarrers und seiner Mitstreiterin, der Kommissarin Verena Dohr.

Der erste Fall saß der Familie Bauer noch tief in den Knochen. Darum stand es mit der Ehe des evangelischen Polizeiseelsorgers immer noch nicht zum Besten. Mit seiner hochschwangeren Frau will er an seinem freien Wochenende einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen. Natürlich kommt es anders. Noch auf dem Hinweg wird der Pfarrer Bauer zu einem Einsatz gerufen. In dem Förderschacht einer stillgelegten Zeche wir eine mit Honig überzogene Leiche gefunden. Ein junger Polizist gerät in Panik. Der diensthabende katholische Kollege von Bauer wird zum Fundort gerufen. Dort erleidet Rüdiger Vaals jedoch einen Herzinfarkt. Für Bauer gibt es kein zurück. Er muss helfen, den Beamten und den Pfarrkollegen zurück ans Tageslicht zu befördern. Er fragt sich, was den Infarkt seines Kollegen ausgelöst hatte. War es der Anblick der Leiche? Oder gab es da…?

Martin Bauers „Ermittlerinstinkt“ war geweckt und obwohl er seiner Frau versprochen hatte, sich nur noch um die Seelen der Polizistinnen und Polizisten in Duisburg zu kümmern. Er spürte, dass da etwas war, dem er nachgehen sollte. Schließlich war Vaals sein Amtskollege. Was war mit ihm geschehen?

Bauers Ermittlungen führen ihn nach Bergkamen. Dort hatte Rüdiger Vaals einige Jahre als Gemeindepfarrer gearbeitet. Er war dort beliebt. Dennoch verließ er die Gemeinde Hals über Kopf. Was war passiert? Viele Fragen beschäftigen Bauer und lassen ihn in Abgründe einfahren, die dem Bergmannsohn bisher unvorstellbar waren.

Bauer taucht in das Begmanns- und Zechenmiljö ein. Die Kommissarin Verena Dohr, die die Ermittlungen zum Leichenfund leitet, kämpft mit Abstürzen ins Leere. Bauers familiäre Lage sieht dunkel aus. Sarah ist ausgezogen und Tochter Nina geht auf Distanz. So wird die Dunkelheit eines Kohleflözes nicht nur zum Ort des Geschehens, sondern auch zum Bild für Stimmungen und mörderische Abgründe.

Erste Spuren führen zurück zu einer Kirchengemeinde, die der Priester Vaals etliche Jahre geleitet hat und die er plötzlich verließ. Hat sich Vaals damals etwas zuschulden kommen lassen? Daran mag Bauer nicht glauben, doch was sonst kann die Ursache für den abrupten Stellenwechsel gewesen sein. Kommissarin Dohr, die Leiterin der Ermittlungen, kämpft derweil mit internen Intrigen und steigt doch voller Eifer in die Ermittlungen ein.

Warum lässt Gott das Böse zu? Natürlich wird Bauer mit dieser Frage konfrontiert. Immer wieder gelingt es den Autoren, ihren Protagonisten theologisch und ethisch herauszufordern. Der Pfarrer schlägt sich tapfer und nimmt den Leser behutsam mit in seine Gedanken hinein, ohne ihm fertige Antworten zu liefern.

Dabei gelingt es dem Duo leicht, den Leser mit in die Ermittlungsarbeit einzubeziehen. Der Plott ist gut gegliedert. Der Spannungsbogen steigert sich bis zum Höhepunkt am Schluss. Die Charaktere sind authentisch und psychologisch schlüssig dargestellt. Der Leser kann sich gut in sie hineinversetzen. Wer, wie ich, mehrfach in eine Zeche eingefahren ist, spürt sofort, dass die Autoren wissen, wovon sie schreiben und gut recherchiert haben.

Überhaupt kann man Ihren Stil gut lesen. Dabei haben sie ihrem Text mehrere Blickwinkel gegeben. Man schaut dem Seelsorger und der Polizistin genauso über die Schultern, wie auch dem Täter. Das sorgt für Spannung!

Ich habe beide Fälle des Polizeiseelsorgers direkt nacheinander gelesen. Das mache ich nicht oft, habe es aber nicht bereut. Als Leser vom „linken Niederrhein“, der das Lokalkolorit kennt und eine gewisse Nähe hat, ist es den Autoren gelungen, mich in den Bann der Handlung und ihrer Orte ziehen zu lassen. Darum kann ich die Lektüre der beiden Bauer-Fälle empfehlen.

Peter Gallert & Jörg Reiter: Tiefer denn die Hölle.
Ullstein, April 2018.
400 Seiten, Taschenbuch, 10,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Martin Simon.

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