Gabriele Tergit: Etwas Seltenes überhaupt: Erinnerungen

Bereits mit 19 Jahren begann Gabriele Tergit (Jahrgang 1894) für Zeitungen zu schreiben, doch nach einiger Zeit erkannte sie, dass sie dafür eigentlich zu wenig wusste. Deshalb beschloss sie, ihr „Abiturium“ zu machen und zu studieren, was sie – energiegeladen, wie sie war – auch in die Tat umsetzte.

Die journalistische Tätigkeit ließ sie nicht mehr los. Noch während des Studiums begann sie, Feuilletons zu schreiben, danach wurden Gerichtsreportagen ihr Spezialgebiet. Sie arbeitete für verschiedene Zeitungen, musste aber 1933 aus Deutschland fliehen, nachdem sie in ihrer Wohnung von der SA überfallen wurde. Nach ein paar Jahren in Palästina, siedelte sie nach England über, wo sie bis zu ihrem Tod 1982 blieb. Auch im Exil war sie produktiv, verfasste Texte für deutsche Zeitungen, Romane und Sachbücher. Für fast 25 Jahre, von 1957 bis 1981, hatte sie zudem im P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland das Amt des „Sekretärs“ inne.

Gabriele Tergit erzählt in ihren Erinnerungen von ihrem Werdegang, hat aber gleichzeitig die politische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft im Fokus. Aus ihren Texten quillt der Zeitkolorit, sie verpackt wichtige Themen in unterhaltsame Texte und hat ihre Augen und Ohren immer dicht an den Menschen und an den aktuellen Ereignissen. Der Alltag wird lebendig und viele Details werfen ein neues, authentisches Licht auf die Vergangenheit.

Im ersten Teil des Buches berichtet Gabriele Tergit über Reisen nach Griechenland und Schweden, wo sie der teilweise harten deutschen Realität der Zwischenkriegsjahre entfliehen kann, aber auch von ihren Erfahrungen in Berlin, wo die Nationalsozialisten an Boden gewinnen und sich auf den Straßen immer härtere Kämpfe mit den Kommunisten liefern und wo in der Bevölkerung die Begeisterung für Adolf Hitler wächst.

Den zweiten Teil widmet sie vor allem ihren Besuchen in Berlin nach dem zweiten Weltkrieg. Sie berichtet von ihren Spaziergängen durch Stadt, in der sie sich manchmal verläuft, weil die Häuser fehlen, an denen sie sich orientiert hat, genauso wie von ihren Kämpfen mit den Verlegern und von Menschen, die immer noch der Zeit des Nationalsozialismus hinterhertrauern und denen jedes Unrechtsbewusstsein fehlt. Hier kommt auch das befreundete Ehepaar Karl und Freia zu Wort, das zunächst in Ostberlin lebt und nach der Flucht in den Westen 20 Jahre warten muss, bis es endlich wieder ihr eigenes Haus beziehen kann. Entsprechend kritisch fallen die Kommentare der beiden über das Nachkriegsdeutschland auf beiden Seiten von Mauer und Zaun aus, die in vielen Briefen und Postkarten im Buch zu lesen sind.

Ein wichtiges Thema ist für Gabriele Tergit ist der Antisemitismus. Geboren als Elise Hirschmann, Tochter einer gut situierten und assimilierten jüdischen Familie, hat sie daran ein ureigenes Interesse. Die Frage, wie eine kleine Gruppe von Gewalttätigen, vor den Augen der Deutschen und der ganzen Welt die Demokratie im Land zerstören konnte, lässt ihr keine Ruhe.

Ihre Kommentare und Berichte sind mal scharfzüngig, mal ironisch, mal liebevoll, mal skurril, mal bitter, mal kritisch, aber immer echt berlinerisch. Ihre scheinbar lockere, manchmal sprunghafte Schreibe ist das Ergebnis unzähliger Überarbeitungen, wie die Herausgeberin Nicole Henneberg in ihrem Nachwort berichtet.

Ihre Erinnerungen sind, wie Gabriele Tergit selbst betonte, keine Autobiografie. Sie arbeitete daran seit Ende der 1950er Jahre, stellte um, formulierte um, strich und ergänzte. Die Erstausgabe erschien erst nach ihrem Tod. Das Lektorat hatte gekürzt, teilweise inhaltlich verändert und korrigiert – zum Teil auch wegen der schwer lesbaren Schrift des Manuskriptes. Darunter hatte der einzigartige Stil genauso wie der Inhalt gelitten. Nicole Henneberg, schreibt im Nachwort völlig zurecht: „Eine textgetreue Neuausgabe war also unabdingbar.“

Und sie hat völlig Recht: Die Erinnerungen der Gabriele Tergit, dieser klugen, mutigen und kämpferischen Frau, sind – genauso wie sie selbst – „Etwas Seltenes überhaupt“.

Hilfreich für den Lesegenuss ist es, wenn man sich in der Zeit zwischen 1920 und 1960 etwas auskennt, die politischen Entwicklungen im Hinterkopf und die Namen der wichtigen Zeitgenossen im Ohr hat. Sonst können manche Stellen verwirrend sein oder zum Nachschlagen zwingen.

Wer sich für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts interessiert und sie aus einer ganz eigenen Perspektive kennenlernen möchte, liegt mit diesem Buch absolut richtig.

Gabriele Tergit, Nicole Henneberg (Hrsg.): Etwas Seltenes überhaupt: Erinnerungen.
Schöffling & Co., Mai 2018.
424 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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