Friedrich Glauser: Gourrama (1937)

Für seinen 1937 erschienenen Roman Gourrama verließ Friedrich Glauser sein bevorzugtes Genre, den Kriminalroman. Statt Wachtmeister Studer steht der am Herzen erkrankte Korporal Lös im Fokus. Er muss weder in Marokkos Hitze marschieren noch kämpfen. Sein Job ist viel schwieriger und gefährlicher, denn er verwaltet Lebensmittel, Schnaps, Zigaretten, Seife und Kaffee. Natürlich werden dadurch bei den anderen Begehrlichkeiten geweckt. Ein Vorgesetzter fordert für den eigenen Vorteil regelmäßig krumme Geschäfte ein. Andere verlangen von Lös für den Erhalt ihrer Freundschaft Spenden. Auch die ortsansässigen Händler wollen gute Geschäfte machen. Alles zusammen zerstört seine ordentliche Verwaltung. Im Wirrwarr des Nehmens und Gebens scheint Korporal Lös mehr Macht auszuüben als der Capitaine des Postens. Nach einem Kampf seiner Kameraden gegen bewaffnete Räuber bekommen Neid und Langeweile eine Eigendynamik, die für kurze Zeit alle Regeln außer Kraft setzen.

Am Beispiel des Postens in Gourrama wird anschaulich gezeigt, wie wenig das Leben eines Söldners wert ist. Irrsinn und Widersprüchliches gehen Hand in Hand, besonders dann, wenn einer vorzeitig die Freiheit herbeisehnt.

„… Selbstmord ist nämlich in der Legion verboten; wird gleichgesetzt mit Diebstahl; denn du darfst über deinen Körper nicht frei disponieren; du hast ihn verkauft, …“ (S. 281) Dies erklärt der Capitaine, als er das Strafmaß für Lös eigenmächtige Geschäfte austariert.

Der Wiener Friedrich Glauser (1896 – 1936) erlebte diese Härte selbst, als er sein Studium aus dem Blick verlor, um stattdessen im Morphiumrausch seinen Ausschweifungen nachzugehen. Gefangen im Bermudadreieck aus Irrenanstalt, Zuchthaus und Kliniken und darüber hinaus für unmündig erklärt, sah er nur einen Ausweg aus seiner Misere. Er verpflichtete sich für eine bestimmte Zeit als Söldner.

Hitze, schlechte Verpflegung, Langeweile prägen den Alltag von Lös und seinen Kameraden. Die unterschiedlichsten Charaktere aus den unterschiedlichsten Ländern werden in eine Gemeinschaft gepfercht. Ihre Erlebnisse sind zeitlich nach dem Ersten Weltkrieg angesiedelt und könnten durchaus auch heute an einem abgelegenen Ort in einer Wüste erneut geschehen. Die Soldaten im Ausnahmezustand, die nur noch ihr nacktes Leben verlieren können, werden von Friedrich Glauser sehr genau porträtiert, in dem er sie agieren lässt, wie nur Soldaten agieren können. Neid, Missgunst, Intrigen, Korruption, Freund- und Feindschaften werden in das Biotop des marokkanische Ortes Gourrama gepresst. Für Männer dürfte dieser Roman eine ungewöhnliche Lesereise sein, in der viel mehr als nur Testosteron gemessen wird.

Friedrich Glauser: Gourrama (1937).
Diogenes, Mai 2018.
368 Seiten, Taschenbuch, 13,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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