Francis Nenik: E. oder Die Insel

Ein namenloser Mann hängt auf einer kleinen Insel unweit des Flussufers fest. Von dort kann er heimlich das Pfarrhaus beobachten, in dem seine Frau und drei Kinder auf ihn warten müssten. Aber sie warten nicht auf ihn. Etwas Unerwartetes ist geschehen. Denn sie sind abends vom Esstisch aufgestanden und haben abrupt das Haus verlassen.

Er beschließt, auf der Insel zu warten, während der Zweite Weltkrieg in die heiße Endphase geht. Von Westen rücken die Amerikaner an, von Osten die Russen. Der Erzähler glaubt, dass seine Familie wegen ihm Repressalien erleiden könnte. Fragen und Vorsicht verbieten ihm, im Pfarrhaus auf seine Familie zu warten. Und während er das Kommen und Gehen im Dorf durch ein Opernglas beobachtet, spekuliert er, was mit seinen Angehörigen passiert sein könnte und ob sie vielleicht wieder auftauchen. Nur eines weiß er mit Sicherheit: Das Ende des Krieges und der Feind werden bald da sein.

Francis Nenik gehört zu den vielseitigen Schriftstellern in Deutschland, die einen fundiert recherchierten Hintergrund in sprachlich ausgefeilten Texten verarbeiten. 2021 erhält er den Anna Seghers-Preis. In seinem aktuellen Roman E. oder die Insel geht es um die Abgründe der deutschen Gesellschaft, die unter der brutalen Herrschaft der Nationalsozialisten unzählige Opfer duldet.

Sein Erzähler ist ein Kinderarzt, der aus Angst und Sorge zwölf lange Tage seine Umgebung beobachtet. Während er in seinem Versteck auf seine Familie wartet, drängen unbequeme Gedanken in den Vordergrund. Anfangs wollte er nur ein paar Schlussfolgerungen schriftlich fixieren, doch dann, als Verdrängtes nicht mehr unterdrückt werden kann, beginnt er einige Ereignisse aufzuarbeiten.

„Als hätte ich schon in der Klinik gewusst, dass ich den Platz auf dem Papier eines Tages brauchen werde. Dabei wollte ich […] das Ergebnis meiner Untersuchungen in einem Aufsatz notieren. […] Aber ich habe es nicht zu Ende gebracht.“ (S. 127)

In seinen Gedanken nähert er sich den Umständen seines beruflichen Niedergangs. Er hatte den Krieg verurteilt und ist trotzdem mitgelaufen. Aus seiner inneren Überzeugung heraus wollte er „die schändliche Wirkung“ des Krieges nicht mit Worten, sondern mit Taten bekämpfen (S. 180). In seiner Sprache tauchen Worthülsen auf: Entartung, unwertes Leben oder das Niederführen von Patienten. Sie umschreiben „seine schwerste und zugleich vornehmste Pflicht als Arzt“ (S. 180). Einer, der zuvor geschwiegen hat, sucht nun eine Rechtfertigung im festen Gefüge aus Regeln und Forderungen.

Im Zentrum seiner Fragen bleiben jedoch seine Frau und Kinder. Wo sind sie?

Francis Neniks geschichtliche Auseinandersetzung mit einem teilweise vergessenen Unrecht ist keine leichte Kost. Sie packt, erschreckt, erinnert und schenkt Einblicke, die auch heute noch gebraucht werden. Denn nach wie vor verharmlosen und manipulieren Worthülsen unsere bunte, unendliche Medienwelt.

Francis Nenik: E. oder Die Insel.
Voland & Quist, Mai 2021.
290 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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Ein Kommentar zu “Francis Nenik: E. oder Die Insel

  1. Danke für die Buchvorstellung. Ich haste den Roman bereits zuvor auf Empfehlung gelesen und war gefesselt. Es ist ungewöhnlich, dass ein Roman über einen Nazi, genauer gesagt einen Euthanasie-Arzt aus der Täterperspektive geschrieben ist. Das hat mich als Leserin sehr herausgefordert, aber der Roman ist spannend konstruiert und großartig geschrieben.

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